Willkommen auf unserer Homepage.

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt

Liebe Gladbeckerinnen und Gladbecker,

ich riskiere, mal einen gewagten Blick in Richtung Sommer: Unsere Heimatstadt ist aus dem Corona-Koma erwacht – gebeutelt zwar, aber auch gestärkt. Wer wieder bei Kräften ist, krempelt die Ärmel hoch und packt zu! Es wird wieder in die Hände gespuckt! Das öffentliche Leben blüht auf, die Konjunktur zieht an, der Alltag macht uns allen immer mehr Spaß!

Zu optimistisch? Kann – aber muss nicht sein. Denn es gibt schon eine Menge Hinweise darauf, dass es nach eineinhalb Jahren Fast-Stillstand auch in Gladbeck wieder aufwärts geht, vieles sich bewegt: Wir haben ein neues Stadtoberhaupt, erstmals eine gewählte Bürgermeisterin, ein neuer Stadtrat und Kreistag haben im September die politische Verantwortung übernommen, neue Konstellationen und Koalitionen sind angesagt. Doch von großen Machtwechseln bisher keine Spur, alles läuft eher auf eingefahrenen Bahnen.

Dennoch sind positive Trends erkennbar: Stadtplanung und Bausektor haben mächtig Fahrt aufgenommen. Es wird gebaut wie selten zuvor, große Projekte sind in der Planung. Alles mit dem Ziel, unsere Stadt noch lebens- und liebenswerter zu machen. Besonders erfreulich: Alle Gruppen und Altersklassen kommen zu ihrem Recht: Kitas und Seniorenheime, Wohnungen und Häuser für Familien oder Singles schießen wie Pilze aus dem Boden. Verkehrsverbindungen werden verbessert oder gar optimiert, z.B. die Brücke an der Beethovenstraße oder der Umbau des letzten Stücks Horster Straße. Der Umwelt und ihrem Schutz wird endlich unsere (über)lebenswichtige Aufmerksamkeit geschenkt. Das Barbara-Hospital wartet mit neuen Abteilungen auf Kranke. Vielleicht kann sogar das Appeltatenfest in gewohnter Art gefeiert werden.

Natürlich kämpfen manche Branchen nach wie vor ums Überleben. Gastronomie und Teile des Handels sind arg gebeutelt. Manches Handwerk hat dagegen die Gunst der Stunde zum ‚Revival‘ genutzt. Bleibt zu hoffen, dass die zahlreichen Finanzhilfen des Bundes und des Landes dazu beitragen, die schlimmsten Verwerfungen zu verhindern.

In diesem Zusammenhang ein Tipp – ganz gleich, ob man irgendeiner Entscheidung zustimmt oder nicht: Statt wie Sisyphus mit seinem Felsblock Unmengen an Energie in die Verhinderung oder Verzögerung von beschlossenen Großprojekten wie A52 oder das Windrad auf der Mottbruchhalde zu vergeuden, lohnt es eher, sich in Zukunfts-Projekte einzubringen und dort mitzumachen. Es lohnt sich – und macht sogar Spaß!

Manfred Bogedain

Heisenberg-Gymnasium sorgt für Begeisterung

Im März sind rund 630 Schülerinnen und Schüler des Heisenberg-Gymnasiums in den Neubau eingezogen. Bürgermeisterin Bettina Weist und Vertreter von Hochtief hatten sich am 11. März, getroffen, um den Übergabevertrag zu unterzeichnen und die Schlüssel für das neue Schulgebäude zu übergeben. „Die Schüler und Lehrkräfte des Heisenberg-Gymnasiums können sich auf ein tolles, modernes Schulgebäude freuen, das kaum Wünsche offen lässt und für das Leben, Lernen und Lehren an dieser Schule bestens ausgestattet ist. Ich bedanke mich bei allen, die am Gelingen und der Umsetzung dieses zukunftsträchtigen Projektes mitgewirkt haben“, freute sich die Bürgermeisterin.

„Auch ich möchte mich für die gute Zusammenarbeit mit der Stadt Gladbeck bedanken. Nach der erfolgreichen Realisierung des Rathausneubaus ist es erneut gelungen, im Rahmen einer ÖPP-Partnerschaft, ein eindrucksvolles neues Schulgebäude zu errichten. Mein Dank gilt allen Beteiligten, die in einem schwierigen Corona-Jahr die termingerechte Fertigstellung ermöglicht haben“, so Peter Coenen, Geschäftsführer der HOCHTIEF PPP Solutions GmbH.

Wie geplant ist das neue Gebäude in Betrieb gegangen – zeitgleich starteten die Abrissarbeiten des Altbaus. Bis Sommer 2022 soll der Rückbau des alten Gebäudes und die Fertigstellung der Außenanlagen erfolgt sein. Ein kurzer Rückblick: Im November 2018 wurde der Projektvertrag zur Realisierung des Neubaus des Heisenberg Gymnasiums mit dem Bauträger Hochtief geschlossen. Im Sommer 2019 begannen die Bauarbeiten und inzwischen ist ein viergeschossiges modernes und den aktuellen pädagogischen Anforderungen entsprechendes Schulgebäude mit einer Bruttogrundfläche von 10.300 Quadratmetern entstanden.

Der Blick aus der Luft aufs neue Heisenberg Gymnasium macht die Ausmaße des Schulgebäudes deutlich. Foto: Hans Blossey
Das neue Logo am Eingang zur Schule macht deutlich: Hier geht’s ins Heisenberg Gymnasium. Foto: Stadt

Für den Kernunterrichtsbetrieb im zweitgrößten Gymnasiums Gladbecks stehen der Schule nun 30 neu ausgestattete Unterrichtsräume, zwei Informatikräume, sieben Gruppen- und Differenzierungsräume, neun naturwissenschaftliche Fachräume, zwei Kunsträume, zwei Musikräume, zwei Mehrzweckräume, Bibliothek und Mediathek sowie Nebenräume für die unterschiedlichen Fachbereiche zur Verfügung. Mit Blick auf die Anforderungen an eine zeitgemäße und zukunftsausgerichtete Pädagogik sind im Schulgebäude Lern-, Aufenthalts- und Arbeitsräume mit einer zeitgerechten Ausstattung und einer ansprechenden Lernumgebung entstanden. Die technischen Voraussetzungen geben einen weiteren Schub für die von der Schule bereits gestartete Digitalisierungsoffensive. Für Schulleitung, Lehrkräfte, Schulsozialarbeit und Ganztagskräfte wurden Verwaltungs- und Geschäftsräume, Lehrerzimmer, Leitungsräume, Besprechungsräume, Sozialräume für die tägliche Arbeit hergerichtet.

Das Heisenberg-Gymnasium wurde den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechend zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf als gebundene Ganztagsschule konzipiert. So erhält die Schule erstmals eine Mensa und neue Aufenthaltsqualitäten mit zusätzlichen Lern- und Freizeiträumen sowie attraktiven Aufenthaltsbereichen, die einen Ganztagsunterricht ermöglichen und die Schule zu einem ansprechenden Lern- und Lebensraum werden lassen. Elf Räume inklusive Schulmensa stehen schwerpunktmäßig für den Ganztag zur Verfügung. Grundlage für die Umsetzung der Ganztagsangebote ist das pädagogische Konzept der Schule: Darin eingebunden sind insbesondere verlässliche Schulzeiten, vielfältige Angebote, individuelle Förderung sowie eine ausgewogene Mittagsverpflegung. Schule und Schulküche werden beim Essensangebot eng zusammenarbeiten. Im Sommer starten alle Schülerinnen und Schüler der fünften Schuljahrgänge in den gebundenen Ganztag, der damit jahrgangsweise von unten aufgebaut wird. Aktuell liegen 100 Anmeldungen vor. Zudem wird das Raumprogramm die derzeitigen Anforderungen an einen G9-Unterricht erfüllen.

Der Neubau wurde 2013 notwendig, weil das im Brockhouse-System 1968 errichtete alte Schulgebäude nicht mehr dem heute anerkannten Gebäude-Sicherheitsstandard entsprochen hat. Die Entscheidung zwischen einer Kernsanierung oder dem Abriss und Bau eines unter pädagogischen Gesichtspunkten modernen und energieeffizienten Schulgebäudes traf der Rat der Stadt im März 2015. Nach Auswertung des Gutachtens zur Schulentwicklung, der baufachlichen Machbarkeitsstudie sowie der Wirtschaftlichkeits-Untersuchung beschloss der Rat den Abriss des bestehenden Gebäudes und einen Neubau auf dem vorhandenen Grundstück zu errichten. Auf der Grundlage des Beschaffungs-Variantenvergleichs stimmte der Rat zudem im September 2015 für die Umsetzung des Bauprojektes im PPP-Modell mit städtischen Teilleistungen im Betrieb und einer Eigenfinanzierung. Insgesamt kostet der Neubau rund 34.740.000 Euro.

Voller Begeisterung zeigt sich die ganze Schulgemeinde des Heisenberg-Gymnasiums, dass der Neubau fertig bezogen ist und sich kontinuierlich mit (Schul)Leben füllt!

Diesem Tag hat die Schulgemeinde seit langem mit großer Vorfreude und Neugier entgegengefiebert. Pünktlich zum Wiederbeginn des Präsenzunterrichtes (im Wechselmodell) in allen Klassen und Jahrgangsstufen war die Spannung doppelt so groß und überall spürbar. So kehrten nicht nur alle Schüler/innen nach Monaten des Distanzunterrichtes wieder in die Schule zurück, sondern es war auch ein lang erwartetes Wiedersehen zugleich im neuen Heisenberg!

Der erste Präsenztag war für Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte sehr aufregend und geprägt davon, erst einmal anzukommen und sich im neuen Gebäude zu orientieren. Die Begeisterung war dabei groß und die Augen funkelten über den Masken. „Wir hätten gerne die Fertigstellung des Neubaus mit der ganzen Schulgemeinde gefeiert“, heißt es im Online-Auftritt des Gymnasiums. Aber das war unter den derzeitigen Coronaschutzmaßnahmen nicht möglich. Doch das große Fest mit der ganzen Schulgemeinde will man nachholen, wenn der Altbau (nach den Sommerferien) verschwunden und das Außengelände anschließend neu gestaltet ist!

So konnte leider auch nur in einem ganz kleinen Teilnehmerkreis am 11. März die offizielle Schlüsselübergabe zwischen dem Schulträger und der Firma Hochtief in Anwesenheit der Schulleitung und des Schülersprechers stattfinden. Einen ersten Einblick über den tollen Neubau vermittelt das Video ‚Das neue Heisenberg-Gymnasium‘ der Stadt Gladbeck unter https://youtu.be/Kb30oewSOMI sowie die Bildergalerie (bitte hier klicken).    

                           Manfred Bogedain
Quelle Stadt Gladbeck & Heisenberg-Gymnasium

Wasserwerk für Notfälle gerüstet

Erst ein Rohrbruch, dann Verunreinigung des Trinkwassers im Ruhrgebiet: Auch die Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft mit Sitz in Mülheim (RWW), die auch Gladbeck mit bestem Trinkwasser versorgt, ist nicht gegen Zwischenfälle gefeit, ist aber durch Notfallpläne im Hintergrund dagegen gewappnet.

Über 30 Grad Hitze und kein Wasser: Aufgrund eines Rohrbruchs am Dorstener Wasserwerk lief Mitte Juni in Teilen Bottrops, Oberhausens und Gladbecks rund eine Stunde kein Wasser aus der Leitung. Zwei Tage später, in der Nacht auf einen Sonntag, dann die Warn-Meldung: E-Coli-Bakterien waren bei einer Routine-Kontrolle im Wasserwerk in Mülheim-Styrum entdeckt worden. Von dort fließt das Wasser nach Oberhausen, Bottrop, Ratingen sowie ins Mülheimer Stadtgebiet. Wie kann es zu so einer Verunreinigung kommen? Und was passiert, wenn Wasser länger ausbleibt oder nicht genutzt werden kann?

RWW versorgt aus acht Wasserwerken weite Teile des westlichen und nördlichen Ruhrgebiets. Aus dem Dorstener Werk fließt Leitungswasser u.a. ins komplette Gladbecker Stadtgebiet sowie in den Nordosten von Oberhausen und den Nordwesten Bottrops . Das von den E-Coli-Bakterien verunreinigte Mülheimer Wasserwerk Styrum-Ost versorgt das gesamte Mülheimer Stadtgebiet sowie die Reste von Oberhausen und Bottrop. Über eine halbe Million Menschen waren somit von einer der beiden Wasserstörungen an einem einzigen Wochenende betroffen.

„Unser Netz ist sehr vermascht“, betont RWW-Sprecher Ramon Steggink. Fällt wie in Dorsten ein Rohr aus, könne recht schnell auf andere Rohre umgeschaltet werden. „Im Notfall können wir auch aus Mülheim bis nach Gladbeck eine Grundversorgung bieten, dann aber nicht mehr mit einem so hohen Wasserdruck.“ Ein längerer Ausfall von Trinkwasser sei somit sehr unwahrscheinlich, da zudem auch auf Wasser von anderen Gesellschaften zurückgegriffen werden könnte. Diesmal dauerte es eine Stunde, bis das defekte Rohr abgestellt und das Wasser auf andere Rohre umgestellt wurde.

Chlor tötet alle Bakterien

Auch bei einer weitreichenden Verunreinigung durch Bakterien könne grundsätzlich schnell reagiert werden. „Durch Chlor können alle Bakterien abgetötet werden“, so Steggink. Bis das Chlor alle Haushalte erreicht hat, gelte aber eine Zeit lang ein Abkochgebot. Dass - wie diesmal - die städtischen Gesundheitsämter die Chlorung des Wassers anordnen, habe es mindestens in den vergangenen zehn Jahren nie gegeben. Woher die Verunreinigung kommt, sei bislang völlig unklar. „Wir fischen da noch im Dunkeln.“ Grundsätzlich müsse es ein Einfluss von außen sein, sagt Steggink. Doch die Wasserwerke seien eigentlich komplett gesichert, die Behälter zur Bevorratung von Trinkwasser komplett abgekapselt. „Da kommt keiner rein.“

Manfred Bogedain

Vier wertvolle Naturschutzgebiete im Süden der Stadt

Über sieben Gladbecker Naturschutzgebiete im Norden, Westen und Osten des Stadtgebietes wurde in „Gladbeck Unsere Stadt“ bereits berichtet. Aber auch das südliche Stadtgebiet hat wertvolle Naturflächen, darunter auch vier Naturschutzgebiete. Mit Informationen über die Rheinbabenhalde, das Boyetal-West, das Boyetal-Ost und das Natroper Feld findet die kleine Serie über die Naturschutzgebiete ihren Abschluss.

Boyetal-West

Sehr verborgen an der Stadtgrenze zu Bottrop befindet sich das Naturschutzgebiet ‚Boyetal-West‘, genauer gesagt zwischen der Bundesautobahn A 2 und dem Gewerbegebiet an der Hornstraße. Es ist 5,06 Hektar groß und hat im zentralen Kern des in Ost-West-Richtung verlaufenden Gebietes ein Bergsenkungsgewässer, ist also ‚menschengemacht‘ (Naturschutzgebiet Nr. 7 im Landschaftsplan Gladbeck).

Der Teich hat ausgedehnte Röhrichtzonen, die übrigen Flächen sind aus der Nutzung genommene Grünland- und Ackerbrachen. Wertvoll sind die artenreichen Gehölzstrukturen. Die Röhrrichtvegetation besteht hauptsächlich aus Schmalblättrigem und Breitblättrigem Rohrkolben, ebenso wachsen Hochstauden, Segen und Binsen dort, aber auch die Schwimmblatt- und Unterwasservegetation sind beachtenswert.

Das Gewässer ist ein wertvoller Biotop für Wasservögel und Vögel, die Gewässer lieben. Die Nachtigall ist zu finden, aber auch der Zaunkönig, die Rohrammer und der Sumpfrohrsänger. Das Artenspektrum an Wasserinsekten, Schmetterlingen und Heuschrecken ist groß, Amphibien kommen allerdings nur untergeordnet vor. Es ist insgesamt gesehen ein hochwertiges Rückzugs- und Ausbreitungsbiotop.

Pflanzengesellschaften trockener Standorte findet man auf den Aufschüttungen oder den kleinen Dämmen. Der ‚alte Haarbach‘ hat sich dort auch etwa 150 cm tief in das Gelände eingeschnitten und wird am Ufer gesäumt durch Holunder, Eichen und Eschen.

Da das Gelände abseits liegt, sind Störungen durch Besucher recht selten. Nur das illegale Angeln beeinträchtigt die ökologisch sensiblen Uferbereiche des Gewässers. Mit einer gezielten Pflege- und Entwicklung kann das Gebiet für die Wasservögel, Wasserinsekten und Libellen weiter optimal vorgehalten werden.

Rheinbabenhalde

Auch durch den Bergbau entstandene Halden können heute ein Naturschutzgebiet sein, wie die 20,05 Hektar große Bergehalde Rheinbaben zeigt (Naturschutzgebiet Nr. 9 im Landschaftsplan Gladbeck). Sie liegt zwischen der Autobahn A 2, der Boye als Grenze zu Bottrop und der Beisenstraße. An die Halde selber schließen sich im Umfeld Äcker und kleine Waldflächen mit Eichen und Robinien an. Die Waldbereiche sind wertvoll durch ihre zeitweise mit Wasser gefüllten ehemaligen Bombentrichter oder Gräben sowie feuchte Senken.

Die Rheinbabenhalde ist nicht einfach zu besteigen, wie jeder erfährt, der sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad besucht. Sie ragt steil aus dem Boyetal auf und ist ein Extremstandort, wie viele andere Halden im Ruhrgebiet auch. Die Böden sind zeitweise extrem trocken und teilweise sauer, sodass sich hier entsprechend angepasste Pflanzenarten angesiedelt haben. Als Pioniergehölz hat sich die Birke großflächig ausgebreitet und bildet einen Wald. Im Inneren des Waldes liegen feuchte Senken und Mulden. Sie sind im Frühjahr mit Wasser gefüllt und bieten Laichplätze, z.B. für die Kreuzkröte.

Die Halde liegt abseits üblicher Rad- und Wanderwege in Gladbeck. Sie hat sich deshalb relativ naturnah entwickeln können, Störungen durch Besucher sind nur selten. Vor den Birkenbeständen hat sich auf dem sauren Bodenmilieu eine angepasste Krautschicht ausgebildet, die z.T. aus Drahtschmiele, Hain-Rispengras und dem Schmalblättrigem Weidenröschen besteht.

Aufgrund der Lage und der nur lockig bewachsenen Flächen ist die Halde insgesamt ein wichtiges Biotop für Trockenheit liebende Arten wie Reptilien, Stechimmen, Schmetterlingen und Heuschrecken. Nach der Pflege- und Entwicklungsplanung, für die der Kreis Recklinghausen zuständig ist, sollen die offenen Flächen weiter erhalten bleiben, so daß der Haldenkörper in seiner Art als Extremstandort erhalten bleibt.

Für die Naherholung aus Ellinghorst spielt die Halde eine gewisse Rolle, gerade für Hundebesitzer, die dort gerne mit ihren Vierbeinern spazieren gehen. Hier ist darauf zu achten, dass dabei die wildlebenden Tiere nicht gestört werden.

Überregional ist diese Halde auch deshalb von Bedeutung, weil auf ihr viele wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt wurden - gerade im Hinblick auf die spontane und umgelenkte Vegetationsentwicklung. Das macht sie für Vergleichsuntersuchungen mit anderen künstlich begrünten Halden interessant. Sie soll sich auch weiter möglichst ohne menschliche Einflüsse entwickeln können.

Boyetal-Ost

Auch das Naturschutzgebiet ‚Boyetal-Ost‘ liegt im Süden der Stadt Gladbeck (Naturschutzgebiet Nr. 10 im Landschaftsplan Gladbeck). Das 4,99 Hektar große Gebiet erstreckt sich östlich der Eisenbahnstrecke Bottrop-Gladbeck entlang der Stadtgrenze zu Bottrop in ost-westlicher Richtung. Es besteht aus einem etwa 6000 Quadratmeter großen Teich, einem Bergsenkungsgewässer - auch hier wieder eine vom Menschen gemachte Naturlandschaft - mit einem Röhrrichtsaum aus Rohrglanzgras und Rohrkolben. Angrenzend schließen sich ein lückiger Gehölzgürtel mit Hochstauden sowie z.T. feuchte Grünlandflächen an.

Auf Bottroper Stadtgebiet findet der Feuchtgebietskomplex seine Fortsetzung in einem geschütztem Landschaftsbestandteil. Natur und die Unterschutzstellung machen auch hier, wie z.B. im Norden beim Naturschutzgebiet Rüden Heide, nicht vor den Stadtgrenzen halt. Das Gewässer ist nicht immer gleich groß. Je nachdem, ob es viel oder wenig regnet, ist der Teich mal größer und mal kleiner.

Das Naturschutzgebiet wird intensiv durch Amphibien besiedelt. Hier laichen Kammmolch, Grasfrosch, Erdkröte, Kreuzkröte und verschiedene Grünfroscharten. Aber auch einige Muschelarten kommen dort vor, wie z.B. die Erbsenmuschel, Malermuschel oder die Gemeine Teichmuschel. Der Eisvogel, in unserer Landschaft eher selten, wurde dort auch schon beobachtet.

Das Gebiet wird im Osten durch einen Fuß- und Radweg durchschnitten, der viel genutzt wird. Er verbindet den Wittringer Wald mit dem Bottroper Stadtteil Boy. Störungen und Beeinträchtigungen der Natur sind deshalb häufig. Die Baumaßnahmen im Zusammenhang mit der Renaturierung der Emscher und seiner Nebenbäche, hier der Boye, führten allerdings zu einer Vergrößerung der ökologisch wertvollen Flächen. Hier wurde viel positives Potential der Natur zurück gegeben. Dies wurde schon bei der Ausweisung des Gebietes als Naturschutzgebiet im Jahre 2001 mit berücksichtigt. In 2021 kommen die Maßnahmen der Emschergenossenschaft in diesem Bereich der Boye zu einem Abschluss.

Das Gebiet ist mit seiner stillgewässertypischen Zonierung regional bedeutsam, gerade für die Standortspezialisten wie Muscheln, Libellen und Wasservögel. Das angrenzende feuchte Grünland macht das Biotop zu einem ganzjährigem Lebensraum, z.B. für Amphibien.

Natroper Feld

Das Naturschutzgebiet ‚Natroper Feld‘ liegt nördlich am Fuß der Mottbruchhalde. Es verläuft entlang der Welheimer Straße und des Nattbachs (Naturschutzgebiet Nr. 11 im Landschaftsplan Gladbeck).

Das Gebiet ist mit 13,59 Hektar relativ groß und ebenfalls durch die Tätigkeiten des Bergbaus entstanden. Es besteht aus brach gefallenem Feuchtgrünland und aus ungenutzten Flächen. Wegen der Unebenheiten im Gelände ist der Grundwasserstand in einigen Bereichen sehr hoch. Dies führte zur Ausbildung von sumpfigen Bereichen und Tümpeln. Röhricht-Flächen bestimmen dort die Vegetation. Das Gebiet ist in Teilbereichen schwer zugänglich. So finden Arten wie der Sumpfrohrsänger oder die Wasserralle einen geschützten und ungestörten Lebensraum. Grasfrosch, Grünfrosch, Kreuzkröte und Teichmolch gehören ebenfalls zu den Bewohnern der feuchten Bereiche. Aber auch zahlreiche Libellenarten finden dort ihren Lebensraum.

Durch die angrenzende nur durch einen Rad-Wanderweg getrennte Mottbruchhalde gelangen salzhaltige Sickerwässer in das Gebiet, so dass sich stellenweise eine Binnensalzflora entwickelt hat, die eigentlich nur an der Nordseeküste zu Hause ist und im hiesigen Raum selten vorkommt. Gemeinde Strandsimse, Meerbinse und Strandaster sind von Botanikern gefunden worden. Die Grünland-Brachen sind stark verwildert und werden von verschiedenen Schmetterlings- und Heuschreckenarten besiedelt.

Insgesamt existieren im Naturschutzgebiet ‚Natroper Feld‘ vielfältige Biotopstrukturen. Auch die Wechselbeziehungen mit der trockenen, durch Sukzession geprägten Haldenböschung sind wertvoll und Lebensraum zahlreicher seltener Tier- und Pflanzenarten. Aufgrund der Größe, des Artenreichtums und der vielfältigen Strukturelemente ist dieses Naturschutzgebiet sehr bedeutsam und - wie der Landschaftsplan ausführt - „unverzichtbar sowohl in seiner ökologischen wie landschaftsästhetischen Bedeutung“.

Schlussbemerkungen

Viele weitere Details zu allen Naturschutzgebieten sind dem Landschaftsplan Gladbeck aus dem Jahr 2001 zu entnehmen, der auf der Homepage des Kreises Recklinghausen eingestellt ist: (www.kreis-re.de/Inhalte/Buergerservice/Umwelt_und_Tiere/Umwelt/ Untere_Naturschutzbehoerde/_Landschaftsplanung.asp).

Eine Kurzdarstellung über alle Gladbecker Naturschutzgebiete findet sich auch auf der Homepage des Gladbecker Vereins für Orts- und Heimatkunde (www.heimatverein-Gladbeck.de). Dort können darüber hinaus noch Kurzinformationen zu den Gladbecker Parks, Naturdenkmalen und dem innerstädtischen Baumlehrpfad abgerufen werden.

Insgesamt gesehen bleibt festzuhalten, dass auch in einer dicht besiedelten Region wie dem Ruhrgebiet, aber auch in der Stadt Gladbeck, noch wertvolle ökologische Flächen vorhanden sind. Sie werden leider durch zunehmende Freizeitnutzung und das fehlende Verständnis für die Belange der Natur beeinträchtigt und gefährdet. Das Ziel ist es aber, sie auch weiterhin zu schützen.

Text & Fotos: Dr. Dieter Briese

Christian M. Schemmert – der neue Leiter für das Stadtarchiv

Mit dem 22. März hat er die Leitung des Gladbecker Stadtarchivs übernommen: Christian Matthias Schemmert ist sein vollständiger Name, 38 Jahre jung, studierter Historiker und Archivwissenschaftler. Ursprünglich stammt er aus Haltern am See, derzeit wohnt er mit seiner Partnerin in Essen-Rüttenscheid. So liest sich der kurze „Steckbrief“ des neuen Archivleiters.

Christian Matthias Schemmert

Zur Erinnerung: Ende Januar 2021 hatte Katrin Bürgel nach 11 ½ erfolgreichen Jahren als Archivleiterin Gladbeck verlassen, um sich beruflich zu verändern. Es bot sich ihr die Gelegenheit, in ihre Heimatstadt Kleve zurückzukehren und dort ebenfalls die Leitung des Stadtarchivs zu übernehmen.

Bürgermeisterin Bettina Weist, so war in einer städtischen Pressemitteilung vom 12. April zu lesen, zeigte sich erfreut, dass die Leitung des Stadtarchivs nach nur kurzer Vakanz an Christian Schemmert übergeben werden konnte. „Das Stadtarchiv ist die zentrale Stelle für alle Fragen zur Gladbecker Stadtgeschichte und steht jedermann offen – umso wichtiger ist es, die Angebote zu unserer Vergangenheit zukunftsfähig aufzustellen.“

Eine gemeinsame Zeit der Einarbeitung durch seine Vorgängerin hat es nicht gegeben, aber doch intensive Gespräche, in denen Katrin Bürgel ihren Nachfolger in wichtige Abläufe und Inhalte der Archivarbeit in Gladbeck einführte. Im übrigen habe sie ihm, so Christian Schemmert, ein gut dokumentiertes Archiv hinterlassen mit vorbildlicher Registratur, wie es sich ein Nachfolger nur wünschen könne.

Dem Kulturausschuss stellte sich der neue Archivleiter am 19. April vor und das coronabedingt in einer Videokonferenz. Schnell wurde hier deutlich, dass er für seine Aufgabe gute Voraussetzungen mitbringt. So verfügt er über eine fundierte fachliche Ausbildung und einige Berufserfahrung: An der Universität Bielefeld absolvierte er sein Bachelor- und Masterstudium der Geschichte und Soziologie. Später folgte berufsbegleitend ein postgraduales Masterstudium der Archivwissenschaft an der Fachhochschule Potsdam. In den vergangenen drei Jahren arbeitete er im Stadtarchiv Solingen, wo er den Arbeitsalltag eines kommunalen Archivs mittlerer Größe kennenlernte. Zuvor war er in Bonn tätig im „Archiv der sozialen Demokratie“ bei der „Friedrich-Ebert-Stiftung“. Nun die Leitung des Gladbecker Stadtarchivs zu übernehmen, darin sieht er den nächsten logischen Schritt auf dem eingeschlagenen beruflichen Weg.

Das Stadtarchiv, so Christian Schemmert, verfügt über ein vielseitiges Bildungs- und Dienstleistungsangebot. „Dabei sind unterschiedliche Vermittlungsformen denkbar. Klassisch gedacht durch Ausstellungen, Pressemitteilungen, Vorträge, Tage der offenen Tür oder Führungen - aber auch neue Ansätze der Geschichtsvermittlung wird es geben.“

In seiner Arbeit will sich der Archivleiter gerade auch jungen Menschen zuwenden. „Das verstehe ich durchaus als Demokratieauftrag. Denn nur wer sich für seine Umgebung interessiert, setzt sich heute oder später auch für sie ein.“ Die zahlreichen bestehenden Kooperationen des Archivs mit den Gladbecker Schulen wolle er fortführen und pflegen. Für Schülerinnen und Schüler gebe es in NRW zahlreiche archivpädagogische Konzepte, die in Gladbeck genutzt werden können. Auch der Einsatz der neuen sozialen Medien sei ein „spannendes Feld“, weil man hier mit historisch Interessierten leicht in Kontakt treten könne.

Wolfgang Keuterling (links) und Dietrich Pollmann (rechts) vom Heimatverein vermittelten bei einer Radtour dem neuen Leiter des Stadtarchivs, Christian Matthias Schemmert, erste Endrücke und Besonderheiten von Gladbeck.

Erfreut zeigt sich Christian Schemmert über die Arbeitsbedingungen in Gladbeck. Er sei in der Stadtverwaltung gut aufgenommen worden und bekomme jede notwendige Unterstützung. Auch weiß er die Unterbringung in modernen Räumlichkeiten mit einer guten technischen Infrastruktur zu schätzen, was nicht immer in Archiven anzutreffen sei.

Die erfolgreichen Projekte seiner Vorgängerin will er auf jeden Fall fortsetzen. Dabei denkt er insbesondere an die szenischen Lesungen und szenischen Führungen. Wer einmal dabei war, wird diese eindringlichen Geschichtserlebnisse, z. B. zum Bergbau oder zur NS-Zeit in Gladbeck, in bleibender Erinnerung behalten. In den Veranstaltungen werden zu einzelnen Themen die Quellen des Stadtarchivs präsentiert und dem Publikum durch den Schauspieler Marco Spohr in teils erzählerisch-fiktionaler Weise näher gebracht. Auch das Projekt „Historische Orte in Gladbeck“ soll fortgeführt werden. Die dazu an Orten mit besonderer Bedeutung aufgestellten Informationstafeln (z. B. am Alten Rathaus) wollen dem Betrachter Gladbecker Geschichte näher bringen. Hier könnten also zu den vorhandenen 14 Informationstafeln bald noch weitere hinzukommen.

Eine lange „Schonzeit“ gab es nicht für den neuen Archivleiter. Die erste größere Herausforderung für sich und sein kleines Mitarbeiterteam sieht er in der Reorganisation des Zwischenarchivs. In diesem Teil eines Archivs werden die Akten der Verwaltung bis zum Ablauf der gesetzlichen Aufbewahrungsfristen eingelagert. Erst danach erfolgt durch den Archivar die endgültige Bewertung, welche Unterlagen erhalten bleiben und was vernichtet werden kann. Im Rahmen der Reorganisation wurden im Mai die betreffenden Bestände aus dem Magazin im Untergeschoss des Neuen Rathauses entnommen, immerhin 500 laufende Meter. Ihre neue Bleibe ist das Verbindungsgebäude zwischen dem Alten und dem Neuen Rathaus. Dort im Obergeschoss, wo früher die städtische Kantine untergebracht war, befindet sich nun das neue Zwischenarchiv, so weit ein erster Schritt zu einer später noch folgenden, größeren Gesamtlösung. Der Umzug schafft jedenfalls im Hauptmagazin den dringend benötigten Platz, um die Bestandsbildung weiter voranzubringen – ein weiteres „Kerngeschäft“ in der Arbeitswelt des Archivars.

Ganz oben auf der Agenda von Christian Schemmert steht in diesem Zusammenhang auch die Digitalisierung des Stadtarchivs. Historisch und rechtlich bedeutsame Materialien sind durch Sicherungs- und Schutzverfilmungen zu bewahren, weil mit dem möglichen Papierzerfall der Verlust der Originalquellen droht. Daneben kann durch die Digitalisierung der Zugang zu den Quellen erleichtert werden. Insbesondere für den Lesesaal soll das Digitalangebot schrittweise ausgebaut werden. Dieser Service wird gerade auch Gladbecker Familien- und Heimatforscher freuen.

Wie die Nutzung von Dokumenten zur Stadtgeschichte Gladbecks in Zukunft aussehen kann, lässt sich bereits im Internetportal „Archive in Nordrhein-Westfalen“ feststellen. Dort sind die Protokolle zu den Gladbecker Gemeinde- und Stadtverordnetenversammlungen von den Anfängen bis in die späten 1930er Jahre heute schon online einzusehen. Wo es das Urheberrecht erlaubt, so Schemmert, wird demnächst auch die historische Zeitungssammlung des Archivs im Internet zugänglich sein.

Bei der Digitalisierung geht es auch um den Aufbau eines „elektronischen Langzeitarchivs“, wozu die Stadt Gladbeck inzwischen gesetzlich verpflichtet ist. Immer mehr Unterlagen fallen aus digitalen Systemen (nicht nur) der Stadtverwaltung an, auch die muss das Archiv für die Zukunft dauerhaft erhalten. Hier lobt der Archivleiter, dass in Gladbeck mit dem System „DiPS.kommunal“ bereits früh die richtige Entscheidung für eine Verbundlösung auf Landesebene getroffen worden ist. Den unter seiner Vorgängerin eingeschlagenen Weg zum Aufbau eines digitalen Archivs wolle er konsequent weiterverfolgen - in enger Zusammenarbeit mit der städtischen Informationstechnologie und mit den entsprechenden überregionalen Arbeitskreisen. Nur so ließe sich die zusätzliche Daueraufgabe der elektronischen Archivierung überhaupt meistern. Das Ziel sei dabei, auch in den kommenden Jahrzehnten die Rechtssicherheit im Verwaltungshandeln der Kommune zu gewährleisten.

Zurzeit ist Christian Schemmert dabei, Gladbeck näher kennenzulernen und persönliche Kontakte zu knüpfen, was in Zeiten von Corona gar nicht so einfach ist. Zumindest im Rathaus und zu den Institutsleitungen, etwa von Museum und Volkshochschule, sind bereits kollegiale Verbindungen hergestellt.

Auch mit dem „Verein für Orts- und Heimatkunde“ gibt es schon einen regen Austausch und erste Absprachen für die Zusammenarbeit. So ist schon bald für Mitglieder des Vereins eine Führung durch das Stadtarchiv vorgesehen. Außerdem nahm der Fahrrad-Fan auch gleich die Einladung zu einer gemeinsamen Erkundungstour durch Gladbeck an. Hier auf dem Foto sind zu sehen – ganz sportlich-zünftig: Christian Schemmert (Mitte) zusammen mit dem Vorsitzenden Wolfgang Keuterling (links) und Vorstandsmitglied Dietrich Pollmann. Stationen auf der mehrstündigen Radrunde waren unter anderem Haus Wittringen und das Ehrenmal, der Jovyplatz, der Nordpark, der Kotten Nie, die Heilig-Kreuz-Kirche, die Moschee an der Wielandstraße, die Arbeitersiedlung Phönixstraße und der Friedhof Gladbeck-Mitte.

Christian Schemmert, das merkt man schnell im persönlichen Kontakt, hat eine sympathische, bescheidene Art im Auftreten. Er geht motiviert seine Arbeit als Archivleiter an und hofft auf ein baldiges Ende der Coronazeit, um mit vielen Menschen in Gladbeck offen ins Gespräch zu kommen. Da bleibt nur, ihm in seiner verantwortungsvollen Aufgabe viel Erfolg zu wünschen – zur persönlichen Zufriedenheit und zum Wohle Gladbecks.

Dietrich Pollmann

Auch private Bauherren errichteten Bergmannshäuser

Am 21. Dezember 2018 wurde in einem offiziellen Festakt das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop geschlossen, nachdem dort am 14. September die letzte Kohle im Regelbetrieb gewonnen worden war. Das Ruhrgebiet verabschiedete sich damit vom aktiven Bergbau und es wurde in vielen Aktionen auf die Geschichte dieser Region zurückgeblickt, die uns bis heute prägt und weiter prägen wird. Presse und Fernsehen haben auch ausführlich über die Zechensiedlungen und ihre Entstehung berichtet. Dabei fand weniger Berücksichtigung, dass auch private Bauherren Bergmannshäuser errichteten und nicht nur Bergwerksgesellschaften. Eine solche, wenig bekannte, gab es auch bei uns. Man kann sie noch heute nachvollziehen und sie hat es verdient, näher beschrieben und evtl. einer denkmalkritischen Bewertung unterzogen zu werden.

Die Schachtanlage in Scholven hieß ursprünglich ‚Berlin‘; davon wurde auch zunächst der Straßenname ‚Berliner Straße‘ abgeleitet, die heute Bülser Straße heißt. Laut Protokollbuch der Gemeindeversammlung Gladbeck (von 1844 – 1876) sind die Häuser an der ehemaligen Berliner Straße nach 1875 gebaut worden und wurden in den frühen 80er Jahren von vielen aus Schlesien stammenden Bergleuten bewohnt. Daher leitete sich im Volksmund die Bezeichnung ‚Neu-Schlesien‘ für diese Siedlungshäuser ab. Lehrer Wilhelm Fleitmann beschrieb dies in den Gladbecker Blättern von 1916 folgendermaßen:

“Nach Kreuzung der Lindenstraße – … – stehen wir in ‚Neu-Schlesien‘. Eine Erinnerung an die erste Zeit des Steinkohlenbergbaus in Gladbeck! Der Unternehmer Fischer baute die Häuser, und da ihre Bewohner zumeist Schlesier waren, die der aufblühende Bergbau mit seinen besseren Löhnen hierher gebracht hatte, wußte der Mund des Volkes gleich den passenden Namen. Neuschlesien ist größer geworden. Eine große Schule, die Johannesschule, erhebt sich am Ende der Kolonie. Das Gebäude ist noch nicht fertig. Zehn Klassen – 7 katholisch und drei evangelisch – beherbergt die Schule zur Zeit. “

Der Bauunternehmer, der diese Projekte in Angriff nahm und durchführte war der Maurermeister Heinrich Fischer, weshalb diese Häuserzeile Berliner (Bülser-) Straße 31 bis 39 auch als ‚Fischerhäuser‘ bezeichnet wurden. Er selbst, der zunächst mit seiner Frau und Familie im Haus Nr. 31 Berliner Straße, also dem südlichsten der fünf wohnte, lebte 1908 nicht mehr, seine Witwe wohnte beim Sohn Wilhelm auf der Buerschen Straße 7 und sein Sohn Damian, ebenfalls Maurer von Beruf, wohnte Kaiserstraße 16 (heute Horster Straße). Im Jahr 1912 war die Witwe Heinrich Fischers noch Hausbesitzerin aller fünf Häuser an der Berliner (Bülser-) Straße, vielleicht noch bis zum I. Weltkrieg. Danach wechselten offensichtlich die Besitzer der Häuser: Im Adressbuch von 1924 lassen sich jedenfalls folgende neuen Besitzer feststellen:

Nr. 31 :   Friedrich Kleine-Vorholt

Nr. 33 :   (Wwe.) Franziska Brand E

Nr. 35 :   Maria Geisler E

Nr. 37 :   Wilhelmine Steiling E

Nr. 39 :   Adolf Birke (bis Ende der 50er Jahre seine Witwe, danach bis Ende der 70er sein Sohn Wilhelm bzw. dessen Witwe Hedwig) E

Polaroidfoto der Bülser Straße aus dem Jahr 1984, damals mit GLA-Kennzeichen an den Autos! (Foto-Nr.5107, Museum der Stadt Gladbeck, Dr. W. Schneider)
Situation um 1910

Unter den ersten Bewohnern dieser Häuser finden sich Familiennamen wie Szepanski, Weßendorp, Lorenz, Prglajen, Cesko, Krämer, Boer, Loonstra u.a..

Also auch holländisch klingende Namen, die zusammen mit den Berufsbe-zeichnungen ‘Erdarbeiter’ statt ‘Bergmann’ darauf schließen lassen, dass einige Fachkräfte für das Abteufen der Zechenanlagen weiterhin hier tätig waren und teilweise länger geblieben sind. Weitere holländisch klingende Bewohner: van der By, van der Veen, Brower, Boorsma, Visser, van der Eems, van der Meer. Aber auch italienisch klingende Namen tauchen auf: Regno, Giacobini, Piccinini.

Von den ursprünglich fünf Häusern sind vier bis heute erhalten. sie alle hatten beim Aufbau die gleiche Grundstruktur, wie aus einer Karte von 1910 abzulesen ist (s. Abb.) Das Haus Nr. 31 ist später aufgestockt worden, darin befand sich 1984 noch die Bäckerei Tacke. Bülser 33 wurde von der Stadt aufgekauft und um 1984 neu aufgebaut; das Haus hat nicht mehr dieselbe Grundstruktur wie die restlichen Fischerhäuser und ist etwas schmaler. Die Häuser Nr. 35, 37 und 39 stehen noch relativ unverändert, nur die Eingänge sind z.T nicht mehr straßenseitig, sondern auf die Stirnseiten verlegt.

Interessant ist auch die Fortsetzung der Bebauung auf der Bülser Straße hinter den Fischerhäusern nach Norden (Hausnummern nach 39 : 41, 43, 45 etc.).

Als Anfang der 80er Jahre das Bürgerhaus Ost in Gladbeck gebaut worden war, hatten sich Stadtgeschichts-Interessenten zu einer Arbeitsgemeinschaft ‚Bürgerbuch Gladbeck-Ost‘ (nach dem Vorbild ‚Hochlarmarker Lesebuch‘) zusammen gefunden, die sich mit der Geschichte der sog. ‘Allinghöfe’ (das sind Hegemann, Kruse, Dume und das damalige Relikt des Kottens Nie) und der näheren Umgebung des Stadtteils beschäftigten. Zu dieser Gruppe gehörte z.B. auch ein Nachfahre vom ehemaligen Krusenhof (Franz Kruse), der die Situation an der ehemaligen Berliner Straße bestens kannte.

Foto laut mündlicher Mitteilung von Franz Kruse (1984)
Die Fischerhäuser heute.

In den Adressbüchern der Stadt Gladbeck tauchen im zweiten Buch von 1912 zum ersten Mal auch die einzelnen Straßennamen alphabetisch geordnet auf, in denen die einzelnen Hausnummern mit ihren Bewohnern aufgeführt sind. Für die Berliner- (=Bülser) Straße tauchen nach den Fischerhäusern (Nr. 31 bis 39) die Nr. 40 (Hausbesitzer Wwe. Wilhelm Fahnemann mit Bewohnern Winkler, Wilhelm, Bergmann mit Familie) und drei Mal (!) die Nummer 45 auf. Nicht mehr zu klären ist heute, ob dies als Druckfehler aufzufassen ist, oder ob wirklich drei Häuser unter der gleichen Nummer verzeichnet wurden. In der Tat ist hier eine Lücke in der straßenparallelen Bebauung; im rückwärtigen Gelände aber steht heute noch ein geklinkertes Haus etwas schräg versetzt zur Straßenfront (Nr. 43) und wiederum dahinter ein Fachwerkhaus.

Als erste ‚Nr. 45‘ (richtig 41 ?) wird im Adressbuch die Witwe Heinrich Fahnemann als Hausbesitzerin angegeben. Bewohner des Hauses waren der Bergmann Wladislaus Karnata mit Familie, der Milchhändler (!) Paul Müller mit Familie und der Tagesarbeiter Andreas Szczutkowski mit Familie gewesen.

Unter der zweiten ‚Nr. 45‘ erscheint als Hausbesitzer ein Hermann Finke; zwei Bergmannsfamilien lebten in dem Haus (Tacke und Finke selbst, Markenkon-trolleur).

Die dritte ‚Nr. 45‘ verzeichnet wiederum als Hausbesitzerin die Witwe Heinrich Fahnemann; auch hier lebten zwei Bergmannsfamilien in dem Haus (von der Wiede und Schwarz). Es fehlen die Gebäude Nr. 47, 49 und 51; unter Hausnummer 53 ist Theodor Kruse, ein Maurer (mit Familie) als Hausbesitzer eingetragen; dort wohnten vor allem holländische (s.o.) ‚Erdarbeiter‘ und deutsche Bergleute, einzeln oder mit Familie.

Ein vergleichbares Bauprojekt, das ebenfalls Heinrich Fischer in Gladbeck errichtete, ist die Häuserzeile Pelkumer Straße 55, 56, 57. Dieses Viertel nannte man scherzhaft ‚Klein Kamerun‘; heute befindet es sich in Privatbesitz (Erwähnung in: Gladbecker Blätter, 1940, S. 50 – 72).

Text & Fotos: Dr. Wolfgang Schneider

Vater: Nach sechs Monaten bin ich zurück

Unser Vater verabschiedet sich von seiner Mutter.

Mit diesem Satz verabschiedete sich mein Vater von meiner Mutter und von uns 1967 in der Stadt Kastamonu, in den Bergen an der Schwarzmeerküste der Türkei. Weil er allein in Deutschland nicht leben konnte und in der Kürze der Zeit es nicht möglich war, genug Geld zu verdienen, um sorglos mit eigener Existenz in der Heimat leben zu können, wie viele gehofft hatten, holte er meine Mutter und uns drei Geschwister zwei Jahre später, 1969, nach.

Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten Deutschland und die Türkei ein Abkommen zur Anwerbung von türkischen Arbeitnehmern für die deutsche Wirtschaft. Dieses Abkommen jährt sich in diesem Jahr zum 60. Mal. Mein Vater gehörte nicht zu den Ersten, die sich anwerben ließen. Wie auch viele andere, die nach Deutschland kamen, war auch er nicht arbeitslos, sondern arbeitete nach seinem Militärdienst, wo er als Koch tätig war, als Bäckergeselle in der Stadt und wir lebten mit Großmutter, Onkel und seiner Familie auf dem Land. Viele andere arbeiteten schwer für einen geringen Lohn. Das soziale Netz war die Familie. Von staatlicher Seite konnte man nichts erwarten, wenn man selbst nicht arbeitete. 

Damals verzeichnete die deutsche Wirtschaft ein anhaltendes Wachstum. Darüber hinaus wurde 1961 die Berliner Mauer gebaut, wodurch der Strom der Übersiedler aus den östlichen Gebieten und der DDR sehr stark abnahm. Das einheimische Arbeitskräfteangebot war geringer als die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt, so dass ausländische Arbeitnehmer angeworben wurden. Mein Vater erzählte uns später, dass in den Café-Stuben, wo sie sich in ihrer Freizeit getroffen haben, Aushänge von der deutschen Arbeitsagentur um Arbeitskräfte für Deutschland warben. Auch er ließ sich auf die Liste setzen, in der Hoffnung, dass es funktioniert. Und: Er wurde ausgewählt. Schließlich war er Mitte 20 und kerngesund. Die Auswahlkriterien waren streng, ebenso die gesundheitliche Überprüfung. Aus meiner Perspektive heute war der Weg nach Deutschland ein mutiger Schritt von ihm, denn im Hintergrund war eine Familie mit drei Kindern. Eine völlig fremde Kultur, Sprache und Lebensbedingungen erwarteten ihn. Ich hätte heute nicht den Mut, in ein völlig anderes Land zu gehen, um dort zu arbeiten.

Dem Anwerbeabkommen mit der Türkei gingen Vereinbarungen mit Italien im Jahr 1955 – das erste Anwerbeabkommen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – und ein Doppelabkommen mit Griechenland und Spanien, 1960, voraus. In den folgenden Jahren kamen weitere Anwerbeabkommen mit Marokko (1963), Südkorea (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und dem damaligen Jugoslawien (1968) hinzu. In Gladbeck leben inzwischen Menschen aus über einhundert unterschiedlichen Herkünften. Die sogenannten ‚Gastarbeiter‘ der ersten Anwerbegeneration trugen zum wirtschaftlichen Aufschwung bei, indem sie hauptsächlich in körperlich schweren Tätigkeiten im Bergbau, Baugewerbe und in der Stahlindustrie in Akkord- und Schichtarbeit eingesetzt wurden. Wir lebten in Duisburg in einer 2,5 Zimmer Werkswohnung mit Toilette im Treppenhaus. Nach und nach zogen die deutschen Familien um uns herum, die ihren Lebensstandard verbessert hatten, weg aus dem Stadtteil. Mein Vater arbeitete zunächst im Schichtdienst in der Stahlindustrie und später in dem gleichen Betrieb als Lockführer. Die meisten der ersten Arbeitskräfte hier in der Region Gladbeck, Bottrop und Gelsenkirchen waren im Bergbau beschäftigt.

1969 begleitete uns unser Opa bis nach Istanbul.

14 Millionen ‚Gastarbeiter‘ kamen nach Deutschland

Von den etwa 14 Millionen Menschen, die zwischen 1955 und 1970 als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, kehrte der weitaus größte Teil aufgrund des sogenannten Rotationsprinzips zurück in ihre Herkunftsländer. Der ursprüngliche Gedanke der Anwerbung konzentrierte sich nämlich auf eine zeitlich begrenzte Beschäftigungsdauer. Die Aufenthalte waren befristet. Integrationsmaßnahmen gab es nicht. In der Schule gab es für uns Kinder auch Türkischunterricht, damit wir unsere Muttersprache nicht verlernen, wenn wir zurück gehen. Ohne die Unterstützung unserer deutschen „Omas“ und „Opas“ aus den Nachbarschaften und unserer engagierten Lehrkräfte an den Schulen, die sich intensiv um uns gekümmert haben, hätten wir Kinder es schwer gehabt Deutsch zu lernen und in der Schule weiter zu bestehen. Denn unsere Eltern konnten uns nicht helfen. Lernen und Integration war für sie nicht vorgesehen.

Die Arbeitskräfte anderer Nationen sollten nur als ‚Gast‘ in Deutschland arbeiten. Nach Beendigung der vorgesehenen Aufenthaltsdauer war ihr Ersatz durch Neuankömmlinge vorgesehen. Dieses sogenannte ‚Rotationsprinzip‘ ließ sich in der Praxis jedoch auf Dauer nicht realisieren. Mit dem Zuzug von Familien entstanden Bindungen und Verwurzelungen, die nicht einfach aufgelöst werden konnten, um die Menschen wieder zurückzuschicken.

Nach dem Anwerbestopp im Jahre 1973 arbeiteten noch circa 2,6 Millionen Arbeitsmigranten im Land, denen im Zuge der Familienzusammenführung das Nachholen ihrer Ehepartnerinnen und -partner und Kinder erlaubt wurde. Mit dem umstrittenen Rückkehrhilfegesetz (RückHG) zur finanziellen Förderung der Rückkehrbereitschaft ausländischer Arbeitnehmer versuchte Deutschland 1983/84 eine Entlastung des Arbeitsmarktes aufgrund zunehmender Arbeitslosigkeit zu erreichen. Ich erinnere mich, dass viele Familien damals aus Duisburg zurückgegangen sind, deren Kinder hier geboren waren und zur Schule gingen. Von diesen Kindern/Jugendlichen hörte man später leidvolle Geschichten, weil sie sich nicht in die türkische Gesellschaft einfügen konnten und ihren Eltern Vorwürfe machten.

Mittlerweile leben Menschen in der 3. und 4. Generation in Deutschland. Die 21. Sozialerhebung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) und Stiftung Mercator von 2014 bis 2018 zeigte, dass 20 Prozent der Studierenden in Deutschland einen Migrationshintergrund haben. Unabhängig davon, dass viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte in vielen Berufszweigen arbeiten und angestellt sind, wurden aus den Nachkommen der ehemaligen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern vielfach Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Studien der Bertelsmann Stiftung von 2005 bis 2018 belegen, dass es inzwischen 773.000 Selbstständige mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland gibt, die etwa 2,5 Millionen Menschen beschäftigen. Nicht nur in traditionellen Bereichen wie z.B. in der Lebensmittelbranche oder Gastronomie, sondern in über 50 verschiedenen Sektoren wie Dienstleistung, Handwerk, Bau, produzierendes Gewerbe, Medizin und Technologie bereichern Anbieter mit Einwanderungsgeschichte den deutschen Markt. Der erste Impfstoffentwickler in der Pandemie von BionTech, Prof. Dr. Uğur Şahin, der mit seiner Frau Dr. Özlem Türeci erfolgreich an der Entwicklung gearbeitet hat, ist das Kind einer Gastarbeiterfamilie. So gibt es viele erfolgreiche Biografien von Menschen mit Einwanderungsgeschichte unterschiedlicher Herkunft.

Müzeyyen Dreessen mit ihren zwei Brüdern 1972 in Deutschland mit dem Auto unterwegs.
Unser Heimatdorf in der Türkei

Defizite prägen immer noch den Blick auf Migranten

Leider prägte und prägt aber auch heute noch immer wieder der Defizitblick das Zusammenleben. Fragen der Migrationsbevölkerung und des Zusammenlebens wurden von Beginn der Einwanderung an in der Öffentlichkeit an Krisensymptomen festgemacht. Fehlende Schul- und Berufserfolge, Kriminalität unter Jugendlichen, Ehrenmorde, Zwangsheirat oder religiöse Radikalisierungen wurden und werden leider oft in der öffentlichen Diskussion als migrationsspezifische Erscheinungen und Probleme präsentiert. Bei den Corona Infektionszahlen in sozial benachteiligten Stadtteilen im April 2021 standen zunächst wieder die Menschen mit Migrationsgeschichte im Fokus. Im Zusammenhang des Israel-Palästina Konfliktes und den antisemitischen Demonstrationen und Vorfällen im Mai 2021 hieß es, dass es einen importierten Antisemitismus gibt und sprach wieder von strengeren Integrationsmaßnahmen und Auflagen für Moscheen und Imame.

Dabei hat die NRW-Landesregierung 2018 eine Antisemitismusbeauftragte berufen. Innenminister Seehofer hat noch im Februar 2021 den „Rechtsextremismus als die größte Bedrohung in unserem Land“ bezeichnet. Also kann der Antisemitismus und der Rassismus nicht importiert sein! Importiert werden bekanntlich Produkte, die man selbst nicht herstellt. Dass auch Menschen mit Einwanderungsgeschichte hierzulande antisemitische Neigungen haben können, ist nicht neu. Bei alledem sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass weder die Intensität noch die tatsächlichen Folgen, mit denen des deutschen Antisemitismus auch nur annährend vergleichbar wären. Es ist leider wieder mal ein Register der Selbstentlastung und Abwälzung des Makels auf andere.

„Wann werden wir zu einem „Wir“ zusammenwachsen“, fragt man sich in solchen Zeiten manchmal. Menschen mit Verfehlungen gibt es in allen Teilen der Gesellschaft, nicht nur bei den Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Unser Sicherheits- und Rechtssystem sind dafür zuständig. Ansonsten sollten wir verbinden und versöhnen und nicht spalten. Wo Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen und Lebenswelten aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Herkunftsländern leben, gibt es natürlich auch immer wieder Probleme, die ich nicht leugne und die ich auch immer wieder kritisiert habe und kritisiere. Aber daran müssen wir gemeinsam arbeiten und nicht immer wieder einen Teil der Gesellschaft hervorheben und zur Zielscheibe machen. 

Nach 65 Jahren Anwerbeabkommen mit verschiedenen Ländern, und obwohl es viele Kräfte gab, die sich lange Jahre dagegen verwahrten, ist die Bundesrepublik aber in der Realität eines Einwanderungslandes angekommen. Selbst wenn manche Politiker ihre Zeit mit negativen Beispielen füllen und Medien immer noch viel zu oft von Integrationsproblemen sprechen – Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind heute fester Bestandteil der Gesellschaft. Es wäre an der Zeit, ihre Ressourcen zu sehen, anzuerkennen und einzubinden. Aus ‚Gastarbeitern‘ wurden Einwohner, aus Italienern, Jugoslawen, Türken millionenfach deutsche Staatsbürger. Trotz aller Probleme und Abgrenzungen ist die Einwanderung unter dem Strich eine Erfolgsgeschichte, die uns kulturell, wirtschaftlich, kulinarisch und sprachlich bereichert hat. 

Die jüngeren Generationen betrachten Deutschland als ihre Heimat. Ihre Großeltern und Eltern waren genügsam und widersprachen wenig. Sie sind aber hier geboren und aufgewachsen und wollen bei Entscheidungen mit am Tisch sitzen und vom Kuchen etwas abhaben, wie es der Soziologe Prof. Aladin El-Mafaalani von der Universität Osnabrück sagt. Diesen Diskurs um gleichberechtigte Teilhabe werden wir in Zukunft öfter miteinander führen müssen, denn die Zahl der Menschen mit Einwanderungsgeschichte von etwa 30 v.H. in der Bevölkerung spiegelt sich auch nach über 60 Jahren Anwerbeabkommen nach allen seriösen Untersuchungen nicht in den Strukturen wider.

Deutschland ist aber vielfältiger geworden. Diese Vielfalt muss sich auch in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen widerspiegeln. Der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR), der auch die Bundesregierung berät, plädiert in seinem diesjährigen Jahresgutachten mit dem Titel „Normalfall Diversität? Wie das Einwanderungsland Deutschland mit Vielfalt umgeht“ für mehr Teilhabe und Repräsentativität von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Nachholbedarf gibt es der Studie zufolge u.a. bei der politischen Partizipation und der Stellenbesetzung im öffentlichen Dienst. Wir können nur zu einem ‚Wir‘ zusammenwachsen und junge Menschen davor bewahren, anderen diktatorischen Machthabern in ihren Herkunftsländern auf den Leim zu gehen, wenn wir ihnen eine Perspektive bieten, sie Vorbilder aus den eigenen Reihen haben, wenn sie sich respektiert und wertgeschätzt fühlen und sie auf Augenhöhe gleichberechtigt mitwirken können.

Heimat ist kein Ort, sondern ein Zustand. Ob in Deutschland, Italien, Griechenland oder der Türkei: Überall dort, wo man Vertrautes spürt und glücklich ist, dort ist Heimat. Wir haben lange mit gepackten Koffern gelebt. „Nächstes Jahr kehren wir zurück“, hieß es immer wieder von unseren Eltern, bis sie merkten, dass wir Kinder so verwurzelt waren, dass sie uns nicht mehr aus unserem Lebensumfeld rausreißen konnten und damit sich selbst auch nicht. Religion, Kultur, Sprache des Herkunftslandes und eine gewisse Verwurzelung auch dort, gerade wenn man dort geboren ist, gehören zur Identität dazu und bereichern das Leben. Die jüngere Generation kommuniziert heute weltweit und ist weltweit vernetzt. Deutsche Unternehmen sind bis in die entlegensten Länder der Welt aktiv. Interkulturelle Kompetenz und Mehrsprachigkeit können in dieser Zeit nur Bereicherung für unsere öffentlichen Strukturen und für die freie Wirtschaft sein und kein Defizit. Solche Menschen können Brückenbauer sein. 

Die erste Generation ist inzwischen im Seniorenalter angekommen und hat damit den größten Teil ihres Lebens in Deutschland verbracht. Deutschland, NRW und Gladbeck sind längst Heimat für diese Menschen, ihre Kinder, Enkel- und Urenkelkinder geworden. Insbesondere die erste Generation hat unter erschwerten Bedingungen gearbeitet und gelebt, ohne je von Integrationsmaßnahmen, wie wir sie heute z.B. durch Integrations- oder Sprachkurse kennen, profitieren zu können. Es gab keine Angebote für sie, um hier anzukommen, als sie nach Deutschland kamen. Welche Angebote haben wir für diese Seniorinnen und Senioren heute, auch in unserer Stadt? Es reicht nicht zu sagen, wir sind offen für alle, wenn sich die Angebote nicht auch an ihren Bedürfnissen orientieren. Interkulturelle Öffnung beim Personal und den Angeboten sollten die kurzfristigen Aufgaben der Entscheidungsträger in diesen Bereichen sein.

Müzeyyen Dreessen

(Vorsitzende des Freundeskreises Gladbeck-Alanya)

Altarkreuz von St. Elisabeth ziert den Friedhof in Mitte

Am 20. November 2010, dem Namenstag der hl. Elisabeth, schloss die katholische Kirche St. Elisabeth in Gladbeck-Ellinghorst für immer ihre Türen. Zehn Jahre später, im Juni 2020, fand das Altarkreuz des Künstlers Gottfried Kappen seinen neuen Standort auf dem katholischen Friedhof in Gladbeck-Mitte.

Gottfried Kappens Altarkreuz aus St. Elisabeth zeigt Christus mit dem für Kappens Stil typischen überschlanken Körper. Foto: Betriebshof der Pfarrei St. Lamberti

Der Künstler Gottfried Kappen

Gottfried Kappen kam 1906 in Recklinghausen zur Welt. Seine Eltern Maria Theresia, geborene Stracke, und Hermann Kappen hatten drei Jahre zuvor in Bocholt geheiratet. Hier war Gottfrieds Mutter 1874 geboren worden. Hermann, der Vater, kam 1875 in Münster zur Welt. Das Paar zog mit den drei Kindern Josef, Günther und Gottfried 1912 nach Gladbeck, wo Wilhelmine, das jüngste Kind, das Licht der Welt erblickte. In Gladbeck half Hermann Kappen beim Aufbau der jungen Stadtgesellschaft 1909 als besoldeter Beigeordneter, 1917 als stellvertretender Amtmann und 1919 schließlich als Bürgermeister.

Gottfried Kappen besuchte nach Abschluss seiner Ausbildung in Gladbeck die Kunstgewerbeschule in Essen. 1926 zog es den Zwanzigjährigen nach Berlin, wo er sich 1929 in Falkensee mit der Familie niederließ. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Gottfried in die alte Heimat zurück. 1948 richtete er in der Mühle von Haus Brabeck in Bottrop-Kirchhellen ein Atelier ein, in dem er bis kurz vor seinem Tod, am 2. November 1981, arbeitete.

Gottfried Kappen experimentierte bei seinen Skulpturen und Reliefs zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn mit den unterschiedlichsten Materialien. Die Themen seiner Arbeiten schöpfte er aus dem Bereich der Mythen und Sagen. Der Höhepunkt seines Schaffens fiel in die Nachkriegszeit. Persönliche Erfahrungen drängten ihn seitdem zu religiösen Motiven, denen er mit Hilfe des neuen Werkstoffs Polyester bleibende Gestalt verlieh.

Das für die St. Elisabeth-Kirche angefertigte Altarkreuz zeigt Christus mit dem für Kappens Stil typischen überschlanken Körper. Der fast schwarze Werkstoff hebt ihn plastisch hervor. Das schmale, ausgemergelte Gesicht des Sterbenden lässt Schmerz, Leid und Tod geradezu greifbar werden.

Gottfried Kappens Grabstätte liegt inmitten seiner Kunstwerke auf dem katholischen Friedhof. Seine aussagekräftigen Figuren haben die Zeit überdauert.

Das Altarkreuz aus St. Elisabeth steht jetzt am Eingang Lindenstraße des Katholischen Friedhofs in Gladbeck-Mitte Foto: Betriebshof der Pfarrei St. Lamberti

St. Elisabeth-Kirche

Die Idee einer Kirchengründung im Gladbecker Stadtteil Ellinghorst fiel in die Zeit des Wiederaufbaus und der Umorientierung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Rentforter Pfarrer Josef Helmus (1939 bis 1966) setzte sich engagiert für eine Umsetzung der Pläne ein. Im August 1956 erteilte das Bistum Münster seine Zustimmung. Der Baubeginn verzögerte sich jedoch durch die Neugründung des Bistums Essen am 1. Januar 1958. Gladbeck zählte nun nicht mehr zum Bistum Münster, sondern lag innerhalb der Essener Bistumsgrenzen. Dr. Franz Hengsbach (1958-1991), der erste Bischof von Essen, stimmte nach einem Besuch Gladbecks dem Projekt im September 1959 zu. Am 18. November, nur wenige Wochen später, erfolgte die Grundsteinlegung. Bischof Hengsbach weihte die fertiggestellte Kirche am 07. Januar 1961 ein. Der Ingenieur Wilhelm Mastiaux hatte die Pläne des Mainzer Architekten Otto Spengler vor Ort umgesetzt. Es entstand eine eher schlicht anmutende Kirche von 17 Meter Breite und 31 Meter Länge mit Raum für 240 Sitz- und 60 Stehplätzen. Das Kirchengebäude vermittelte im Inneren die Atmosphäre eines Bergwerkstollens, eine Homage an eine durch den Bergbau groß gewordene Stadt.

Kappens ‚Schaukelnde‘ steht an der Kirche St. Mariä Himmelfahrt in Feldhausen. Foto: Joachim Rossmann

Der Friedhof St. Lamberti

Der katholische Friedhof St. Lamberti war der erste christliche Friedhof und über viele Jahrhunderte hinweg zudem der einzige Friedhof in Gladbeck. Von seinem ursprünglichen Standort an der heutigen Propsteikirche St. Lamberti in Stadtmitte wurde der Begräbnisplatz durch Pfarrer Wilhelm Hemming (1826-32) an die Bahnhofstraße verlegt. Pfarrer Franz Nonn (1884-1898) siedelte ihn rund fünfzig Jahre später auf das Areal an der Linden- und Feldhauserstraße um.

Der katholische Friedhof bildet noch heute einen Ort, an dem Geschichte und Kultur der Stadt erfahrbar werden. Zahlreiche Kunstwerke auf dem Friedhof schuf Gottfried Kappen, so etwa das Grabmal der Familiengruft Kappen oder dasjenige der sechs am 15. Juni 1949 auf der Zeche Graf Moltke verunglückten Bergleute. Seit Juni 2020 steht jetzt ebenfalls das monumentale Altarkreuz der St. Elisabeth-Kirche am Eingang (Lindenstraße) des Friedhofs.

Gottfried Kappens Kunstwerke begegnen an vielen Orten in der Region, so ‚Die Schaukelnde‘ in Bottrop-Feldhausen.

P.S.: Für die biographischen Daten der Familie Kappen bedanke ich mich bei Herrn Häusler vom Gladbecker Stadtarchiv.

Dr. Elke Dißelbeck-Tewes

Hanna-Stefanie Fenner folgt Heinrich Vollmer als ZBG-Chefin

Hanna-Stefanie Fenner

Am 26. April wurde Heinrich Vollmer nach mehr als vier Jahrzehnten bei der Stadtverwaltung von Bürgermeisterin Bettina Weist verabschiedet: „Sie haben beim Zentralen Betriebshof Ihre Spuren hinterlassen und sind bei Bürgerinnen und Bürgern hoch angesehen. Sie stehen für Zuverlässigkeit, eine akribische Arbeitsweise und einen kollegialen und vertrauensvollen Führungsstil. Ich danke Ihnen für Ihre geleistete Arbeit und Ihre Jahre bei der Stadtverwaltung.“

Vollmers Nachfolgerin als erste Betriebsleiterin des Zentralen Betriebshofs Gladbeck (ZBG) qurde Hanna-Stefanie Fenner, die in diesem Sommer ihre neue Aufgabe übernimmmt. Die Bürgermeisterin wünschte Hanna-Stefanie Fenner ebenfalls viel Glück bei ihrer neuen Arbeit: „Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit“, so Bettina Weist.

Nach ihrer Ausbildung zur Versicherungskauffrau bildete sich Hanna-Stefanie Fenner mit dem Studium der Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Logistik und Wirtschaftsinformatik und dem Abschluss Diplom- Betriebswirtin weiter. Sie war bereits in Gelsenkirchen bei Gelsendienste tätig und hat danach als Betriebshofleiterin bei den Stadtbetrieben Castrop-Rauxel gearbeitet. Seit 2018 leitet sie die Abteilung „Logistik, Strategie und Verträge“ bei den Technischen Betrieben Solingen. Hanna-Stefanie Fenner lebt in Castrop-Rauxel und ist verheiratet.

Bildung und Erziehung und Ingenieuramt unter neuer Leitung

Die Stadt Gladbeck hat zwei neue Amtsleiter vorgestellt: Mit Silke Döding und Frank Restemeyer übernehmen zwei langjährige städtische Fachleute die Führungsaufgabe im Amt für Bildung und Erziehung sowie im Ingenieuramt.

Die Leitung des Amtes für Bildung und Erziehung mit rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern übernimmt die 58-jährige Silke Döding. Sie folgt auf Bettina Weist, die seit November 2020 Bürgermeisterin ist. Silke Döding ist städtische Verwaltungsrätin und seit 40 Jahren bei der Stadt Gladbeck beschäftigt. Zuletzt leitete sie die Abteilung ‚Zentrale Dienste‘ im Amt für Bildung und Erziehung. Zuvor war die Gladbeckerin über 25 Jahre in verschiedenen Funktionen im Ordnungsamt tätig.

Neben der Begleitung des Neubaus des Heisenberg-Gymnasiums stehen viele weitere kleinere und größere Bauprojekte auf dem Aufgabenzettel der neuen Amtsleiterin. Auch ist ihr Amt federführend bei dem weiteren Ausbau der Digitalisierung der Gladbecker Schulen. „Bei allen Projekten ist die gute ämterübergreifende Zusammenarbeit ein wesentlicher Erfolgsfaktor“, erklärt Silke Döding. „Auch möchte ich die vertrauensvolle Arbeit mit den Schulen fortsetzen, den regelmäßigen Austausch fördern und als Schulverwaltung unterstützen, wo wir können.“

Das Ingenieuramt mit rund 60 Kolleginnen und Kollegen hat mit Frank Restemeyer ebenfalls eine neue Leitung. Der 56-jährige Diplom-Ingenieur folgt auf Monika Sellke, die im Dezember zur Stadtverwaltung Krefeld gewechselt ist. Der Ingenieur mit dem Studienschwerpunkt im Bereich der Verfahrenstechnik, genauer im Bereich der Siedlungswasserwirtschaft und Umwelt, ist über Stationen bei unterschiedlichen Ingenieurbüros im Jahr 2000 zur Stadt Gladbeck gelangt. Seit 2002 leitete er hier die Abteilung ‚Stadtentwässerung“‚, jetzt übernimmt er die Leitung des Ingenieuramtes. „Mir ist wichtig, alle anstehenden Projekte ganzheitlich und unter dem Aspekt der Klimaresilienz zu denken. Das heißt, dass ich in Zukunft sowohl ämter- als auch gewerkeübergreifend noch stärker zusammenarbeiten möchte und einen besonderen Fokus auf die Auswirkungen städtischer Projekte auf Klima und Umwelt legen werde“, so Frank Restemeyer.

„Ich freue mich sehr, dass wir beide Stellen zeitnah intern nachbesetzen konnten“, betont Bürgermeisterin Bettina Weist, und ergänzt: „Mit diesen Personalien haben wir eine sehr gute Lösung gefunden, mit der wir die zahlreichen vor uns liegenden Aufgaben in Angriff nehmen können.“

Silke Döding
Frank Restemeyer

Marie-Antoinette Breil leitet das Rechtsamt

Marie-Antoinette Breil

Das Rechtsamt der Stadt wird bereizs seit vergangenem Sommer von Marie-Antoinette Breil geleitet. Sie hat die Nachfolge von Dr. Guido Hüpper angetreten. Er hat sich aus persönlichen Gründen beurlauben lassen. Die 47-jährige Juristin aus Gladbeck gilt als Ansprechpartnerin für den Verwaltungsvorstand und berät und unterstützt alle städtischen Dienststellen und Institutionen in Rechtsfragen. Zudem bearbeitet Marie-Antoinette Breil sämtliche städtischen Rechtsangelegenheiten und vertritt die Stadt Gladbeck vor Gericht.

Die gebürtige Dorstenerin kennt Gladbeck seit ihrer Kindheit, besuchte hier die Antoniusschule und das Ratsgymnasium. Ihr Jurastudium absolvierte sie an der Ruhr-Universität Bochum. Marie-Antoinette Breil arbeitete nach ihrem zweiten juristischen Staatsexamen im Jahr 2001 unter anderem für drei Jahre bei der Stadt Eberswalde (Brandenburg) als juristische Sachbearbeiterin und Abteilungsleitung, bevor sie 2005 nach Eschweiler in NRW wechselte. Dort leitete sie seit 2014 das Rechtsamt und war zusätzlich als Geschäftsführerin der WBE Wirtschaftsbetriebe Eschweiler GmbH und als Prokuristin der Freizeitzentrum Blaustein-See GmbH auch für zwei städtische Tochterunternehmen tätig.

„Wir freuen uns, mit Marie-Antoinette Breil eine äußerst erfahrene Juristin als neue Kollegin bei der Stadt Gladbeck begrüßen zu können. Sie ist eng mit unserer Stadt verbunden und bringt neben ihren fundierten juristischen Kenntnissen ein hohes Maß an Verwaltungsexpertise mit“, lobte seinerzeit Bürgermeister Ulrich Roland. Breil: „Die Arbeit bei der Stadt Gladbeck ist sehr reizvoll, schon allein wegen der Vielfalt der juristischen Fragestellungen.“

Die Stadtverwaltung hatte damit im vergangen Sommer mit Marie-Antoinette Breil bereits die siebte von insgesamt 16 Amtsleitungspositionen mit einer Frau besetzt. Inzwischn sind noch einige dazugekommen.

Manfred Bogedain

Quelle: Stadt Gladbeck / Fotos: Peter Braczko

 

Der ‚Schwarze Tod‘ und andere Pandemien wüteten schon im Mittelalter im Vest

Das Coronavirus hat uns voll im Griff. Doch es war nicht die erste Epidemie in unserer Region. Bereits 1991 hat Dr. Werner Koppe in ‚Gladbeck unsere Stadt‘ über mittelalterliche Epidemien im Vest berichtet. Aus Anlass der weltweiten Krise hat er seinen Artikel überarbeitet und aktualisiert:

Unsere heutigen Lebensgewohnheiten klammern epidemische Krankheiten geradezu aus und wir meinen mit moderner Medizin diese Art von Menschheitsgeißeln für immer ausgerottet zu haben. Das neuartige Coronavirus lehrt uns jedoch momentan etwas Anderes. Geradezu als Menetekel erweist sich zur Zeit auch die im Archäologischen Museum Herne aufgebaute Pest-Ausstellung, die aus gegebenem Anlass geschlossen ist. Von Epidemien ist unser Raum in der Vergangenheit sehr häufig heimgesucht worden, doch wie ging man früher mit Seuchen um?

Schon seit dem Altertum sind uns Seuchen überliefert. Im Mittelalter traten besonders Aussatz und Pest epidemisch auf. Daher führten vor allem die Städte als Orte menschlicher Zusammenballung vielfach seit dem Auftreten der Pest in den Jahren 1348 – 1350 für Fremde eine Isolierung unter ärztlicher Aufsicht ein, die vierzig Tage dauerte. Der Begriff ‚Quarantäne‘ hat sich aus diesem Grund eingebürgert.

Der Aussatz, auch als Lepra, Mieselsucht, Lazarienkrankheit oder Malazie bezeichnet, war in Europa schon vor dem 12. Jahrhundert bekannt, doch erst seit den Kreuzzügen fand er hier eine größere Verbreitung. Das Krankheitsbild der Lepra ist gekennzeichnet von Knotenbildungen unter der Haut und in einem späteren Stadium mit Ausbildung von offenen Geschwüren. In der weiteren Entwicklung der Krankheit reißen die Gelenkbänder, die Gliedmaßen beginnen zu faulen und fallen schließlich ab.

Da es keine eindeutige medizinische Beschreibung der Krankheit gab, vielmehr Symptome und Erscheinungsformen unterschiedlicher Hauterkrankungen in einen Topf geworfen wurden, mussten häufig auch Nichtbefallene mit dem Makel des Aussatzes leben. Das bedeutete für die Betroffenen in der Regel den Ausschluss aus der Gesellschaft. Um nämlich Infektionen weiterer Bevölkerungsgruppen zu verhindern, versuchte man den Aussatz durch Isolierung der Befallenen zu bekämpfen. Verdächtige Personen mussten sich untersuchen lassen. Die abgesonderten Leprösen mussten eine besondere Kleidung tragen, die sie als Aussätzige kennzeichnete. Außerdem trugen sie einen Esskorb, ein Wassergefäßchen und eine Klapper bei sich, mit der sie sich gegenüber Gesunden bemerkbar machen mussten.

Dieser zeitgenössische Stich zeigt einen mittelalterlichen Pestarzt in Schutzkleidung.

Unter welchen Bedingungen ein Aussätziger leben musste, war in besonderen Rechtsvorschriften festgelegt. Im Erzstift Trier klang das so: „Es ist Dir verboten, … in die Kirchen, auf den Markt, in die Mühle, an den Backofen und in die Volksversammlung zu gehen. … Es ist Dir verboten, Deine Hände … in Quellen und Rinnen … zu waschen… Ich gebiete Dir außerdem, nur einherzugehen in Deinem Leposenanzug. … Ferner befehle ich Dir, wenn auf dem Wege Dir jemand begegnet und Dich befragt, Du nicht antwortest, bis Du aus der Windrichtung gegangen bist, damit er nicht von Dir den Tod empfange…“

Die meisten Städte besaßen weit außerhalb ihrer Mauern Unterkünfte für Leprose, die seit dem 12. Jahrhundert erstmalig schriftlich erwähnt werden. Es existierten manchen Orts besondere Hospitäler zur Pflege dieser Kranken. Sie wurden häufig vom Orden des Hl. Lazarus betrieben (vergl. das Gleichnis vom armen Lazarus und reichen Prasser). Vermutlich rührt der Begriff ‚Lazarett‘ von Krankenhäusern dieses Ordens her.

Die Stadt Recklinghausen wurde im Laufe ihres Bestehens häufig von Epidemien heimgesucht. Als besondere Geißel des Mittelalters und der frühen Neuzeit erwies sich dabei die Pest, der ‚Schwarze Tod‘. In kurzer Zeit wurden, wenn diese Krankheit eingeschleppt war, ganze Stadtviertel und Städte entvölkert. In der vestischen Stadt wütete sie insgesamt siebenmal: 1350, 1530/31, 1555, 1578, 1582, 1599 und 1635/36. Trotz strenger Überwachung der Stadttore gelang es nicht, ein Einschleppen der Pest in den Ort jeweils zu verhindern. Die Befallenen wurden dann entweder innerhalb der Stadt isoliert, d.h. sie durften ihre Häuser nicht verlassen, oder sie wurden in unbewohnte Stadtviertel abgeschoben, z. B. zum Löhrhof. 1578 wurde für die Pestkranken eine Hütte außerhalb gebaut, weit draußen im sumpfigen Emscherbruch, dem südlichen Teil der Recklinghäuser Mark. In den städtischen Rentmeisterrechnungen heißt es dazu: „Item uff dem Braucke vor die krancken / ein Huißken gemaket, Darauer gewesen / dach facit 1 s“.

In Dorsten gab es an der städtischen Peripherie, in der Nähe des Stadtgrabens, ebenfalls ein Pesthaus. Es wird 1526, 1667 und 1676 in der Dorstener Rentmeisterrechnung erwähnt.

Die wohlhabenden Stadtbewohner versuchten, wie auch der Schriftsteller Boccaccio aus Italien berichtet, der Ansteckungsgefahr in der Stadt zu entgehen, wo schlechte hygienische Verhältnisse der Ausbreitung epidemischer Krankheiten geradezu Vorschub leisteten. Sie flüchteten aufs Land, in die Dörfer und Bauerschaften der näheren Umgebung, nach Oer, Ahsen, Suderwich oder Speckhorn, wo sie das Ende der Pest abwarteten.

Es gab kein Heilmittel gegen die Pest. Erst sehr spät wurde klar, dass ihre Ausbreitung durch die Isolation der Kranken eingedämmt werden konnte. Um 1423 entstand bei Venedig das erste Pestkrankenhaus Europas.

Im Jahr 1606 erließ der Kurfürst-Erzbischof von Köln für seine Lande eine längst überfällige Pestverordnung, die bereits Züge moderner Medizin und Hygienevorstellung in sich trug. Es heißt dort:

„Bei der im Reiche herrschenden Pest wird folgendermaßen verordnet:

2.
Ueberal muß die größte Reinlichkeit der öffentlichen Straßen, Plätze und Höfe erhalten, insbesondere sollen aber alle faulen Ausdünstungen verbreitende Gegenstände, so wie die Excremente der von der Pest inficirten Personen, in die fließenden Gewässer und die heimlichen Gemächer gebracht und gegossen werden.

3.
Bei eintretenden Symptomen der Ansteckung muß der Erkrankte sofort die ärztliche Hilfe suchen, und, mit gottergebenem Sinne ohne Schrecken, die im Beginn der Krankheit oft wirksam befundenen Arzneien anwenden.

6.
Die Anhäufung des Düngers in den Ortschaften, so wie die Verunreinigung der Gassen mit diesem und mit Aesern von Haus- und anderen Thieren, darf nicht stattfinden, und sollen desfalls besondere Aufseher angeordnet werden.

7.
und 8. Den Obsthändlern und Metzgern wird rücksichtlich ihres Gewerbes die sub 2. befohlene Maßregel zur besonderen Pflicht gemacht.

10.
Die von der Krankheit genesenen Personen müssen einen Monat lang sich streng in ihren Wohnungen halten, und auch im zweiten Monat nach ihrer Genesung sich nicht in zahlreiche Gesellschaften, besonders nicht in enge Räume begeben, deshalb auch nur die weniger besuchten Kirchen benutzen; diejenigen welche ihre erkrankten Mitbewohner eines Hauses nicht gleich verlassen wollen, müssen sich vierzehn Tage nach ihrem Abzug sich wie die Genesenen verhalten; diejenigen aber, welche einen Erkrankten sofort verlassen, sind nur zu einer viertägigen Isolierung verpflichtet.

11.
Die Wanderer und Reisenden sollen an den Pforten der Ortschaften eidlich abgefragt werden, ob sie aus inficirten oder pestfreien Orten oder Häusern kommen, und im ersten Falle zurückgewiesen werden.

12.
Kein Einwohner eines Ortes darf eine auswärtig wohnende inficirte befreundete oder verwandte Person bei sich aufnehmen, bei Vermeidung öffentlicher und beschimpfender Leibesstrafe.

15.
Das Leib- und Bettgeräthe der Kranken darf an öffentlichen Flüssen, Bächen und Gewässern nicht gewaschen, getrocknet und gelüftet, und noch weniger versendet, verkauft oder feilgeboten werden, und wird dessen Verbrennung als sicherstes Verhütungsmittel der Ansteckung dringend empfohlen.

16.
Das Halten von Schweinen, Tauben, Kaninen u. a. dergl. Thieren und Vögeln innerhalb der Ortschaften wird, wegen ihrer schädlichen Ausdünstung, verboten. – Die erkrankten armen Dienstboten sollen auf Begehren ihrer Brodherrn in Spitälern u. a. abgelegenen Orten willig aufgenommen und mit Kirchenmitteln versehen, auch mit gebührlicher Leibes-Nothdurft und ärztlich verpflegt werden.“

Bei ansteckenden Krankheiten waren auch schon im Mittelalter Hygiene-Vorschriften zu beachten.

Ebenso gefürchtet war neben der Pest auch der Aussatz, doch nahm hierbei die Zahl der Erkrankungen bei weitem nicht das Ausmaß der Pestepidemien an. Zur Isolierung der Leprösen ließ der Recklinghäuser Stadtrat diese Personen in kleinen Hütten am Segensberg in Hochlar unterbringen. Die Gebäude wurden nach dem Tod ihrer Bewohner verbrannt, um ein Konservieren der Krankheitserreger zu vermeiden. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ließ die Stadt Recklinghausen am gleichen Standort ein größeres Gebäude errichten, vermutlich, weil die Anzahl der Befallenen in der Zwischenzeit angestiegen war.

Der Name der Örtlichkeit – in der Nähe befand sich auch die städtische Hinrichtungsstätte – lautete eigentlich ‚Seikensberg‘ (von seik = siech, krank, aussätzig) und verschliff sich später zum irreführenden „Segensberg“. In einer Straßenbezeichnung ‚Am Siechenkotten‘ – allerdings an anderer Stelle – lebt diese mittelalterliche Einrichtung fort. Die Siechen mussten in Hochlar unter erbärmlichen Bedingungen leben, wurden gerade mit dem Notwendigsten versorgt und hatten nur Kontakte zu ihren Leidensgenossen.

Die Anlage am Siechenberg war gleichsam Endstation für Aussätzige. Bevor jedoch der Aussatz nicht eindeutig festgestellt war, wies die Stadtobrigkeit keinen aus der Stadt, denn wer einmal zu den gesellschaftlich Ausgestoßenen vom Siechenkotten gehörte, hatte keine Möglichkeit der Rückkehr, da es keinerlei Heilungschancen gab. Deshalb unterhielt die Stadt Recklinghausen auf dem Kirchhof bei St. Peter ein Melatenhäuschen (vom franz. malade = krank, aussätzig), in das Aussatzverdächtige zunächst eingewiesen wurden, bevor sie nach Köln zu einer Untersuchung geschickt wurden. Die Unterbringung im Melatenhaus wurde angeordnet, um die Ansteckungsgefahr für die gesunde Bevölkerung auszuschließen, gleichzeitig die Aussatz-Verdächtigen vor möglicher Ansteckung im Siechenhaus zu bewahren, falls sie nicht aussätzig waren.

Auch in Dorsten gab es besondere Einrichtungen für Aussätzige. Anfänglich wurden die Leprösen hier wahrscheinlich 1 Kilometer westlich der Stadt in Richtung Gahlen (in Lippenähe) auf einem Areal untergebracht, das die Bezeichnung ‚Segenbrockskamp‘ (= Siechenbruch-Wiese) hatte. Möglicherweise befand sich auf dem dortigen ‚Jürgenfeld‘ ein Leprosium. Später wurde ein solches ‚domus leprosorium‘ an der Straße nach Kirchhellen errichtet und mit einer Kapelle ausgestattet, die noch heute, wiederaufgebaut, an historischer Stelle steht. Die Straßenbezeichnungen ‚An der Seikenkapelle‘ und ‚Seikenheide‘ weisen auf die alten Bezüge hin.

1489 werden Siechenhaus und Kapelle erstmals im ‚Liber statutorum‘, dem Verzeichnis städtischer Rechte und Rechtsgewohnheiten, erwähnt. Danach war jährlich eine Überprüfung dieser Einrichtung durch den Pfarrer von Dorsten und zwei Stadtratsmitgliedern vorzunehmen; der Termin dafür war der 24. Februar. Die Existenz eines Siechenhauses im Raum Dorsten ist jedoch sicherlich viel früher als die Ersterwähnung im Dorstener Rechtsbuch anzunehmen.

Die alte Siechenkapelle in Dorsten, hier auf einem Foto aus dem Jahr 1926, wurde 1945 von einer Bombe getroffen und 1961 wiederaufgebaut.

Die Frucht vor ansteckenden Krankheiten war nicht nur in Recklinghausen und Dorsten groß, die Stadträte griffen deshalb scharf durch. Die unhygienischen Verhältnisse – bedingt durch fehlende Kanalisation und Abfallbeseitigung – förderten die Verbreitung von Krankheiten geradezu, doch konnte auch durch strenge Maßnahmen keine durchgreifende Verbesserung erreicht werden.

In Recklinghausen mussten selbst angesehene Personen wie der Weinwirt und Ratsherr (von 1517 – 1520) Hermann Moseler den Anordnungen des Stadtrates bei Verdacht einer ansteckenden Krankheit Folge leisten. Hermann Moseler war auf Veranlassung des Rates der Stadt Recklinghausen im Jahr 1527 nach Köln gegangen und hatte sich, entgegen städtischen Gepflogenheiten, nicht bei den Melatenmeistern, welche selber aussätzig waren, sondern an der medizinischen Fakultät der Kölner Universität untersuchen lassen.

Das von der Universität nach erfolgter Untersuchung ausgestellte Gutachten ergab zwar einen bedenklichen Gesundheitszustand Moselers – Schwellungen an Füßen und Händen, eingefallene Augenhöhlen bei gleichzeitigem Vorquellen der Augen, Schorfbildung auf der Haut – weshalb ihm ärztliche Behandlung angeraten wurde. Aussätzigkeit wurde nicht diagnostiziert. Da sich der Recklinghäuser Stadtrat mit diesem Testat nicht zufrieden gab und eine Untersuchung bei den Kölner Melaten verlangte (heute noch als Friedhof Melaten existent), wandte sich der Weinwirt an die Universität, die in einem strengen Brief an die Recklinghäuser Stadtobrigkeit auf ihre Privilegien und Rechte hinwies.

Der ‚Schwarze Tod‘ raffte im Mittelalter ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin.

Den Melaten wurde des Weiteren das Recht der Aussätzigen-Beschau ausdrücklich abgesprochen, da bei den Untersuchungen gesunde Patienten angesteckt würden. Der Wortlaut dieses Schreibens ist in der Übersetzung aus dem frühen Neuhochdeutsch folgender:

„Unseren freundlichen Gruß zuvor, und was wir sonst noch vermögen, ehrsame, vorausschauende, günstig gesonnene, gute Freunde!

Der ehrsame Hermann Moseler, Euer Mitbürger, hat uns folgendes geklagt: Er sei vor einiger Zeit von etlichen Missgünstigen verdächtigt worden, dass er mit der Lazarienkrankheit oder dem Aussatz befleckt sei. Deshalb sollte er billigerweise von der Gemeinschaft und Gesellschaft aller gesunden Menschen abgesondert werden, damit niemand von ihm angesteckt würde.

Als ein guter Mensch, der seine Nächsten nicht gerne mit einer Krankheit anstecken wollte, hat er sich darum auf Euren Befehl persönlich zu uns begeben. Er hat sich unserer Prüfung und Besichtigung unterworfen, um die Wahrheit über das Gebrechen zu erfahren. Er ist durch uns, die wir als zuständige Richter über solche Gebrechen von Papst und Kaiser (denen jeder in solchem Fall folgen muss) eingesetzt worden sind und auch die Untersuchung und Beurteilung solcher Krankheit seit über 100 Jahren ungestört ausgeübt und unverletzt besessen haben, des Gebrechens der Lazarien frei und unbefleckt befunden und erachtet worden. Dies ist aus dem Untersuchungsbericht ersichtlich, der ihm darauf mit unserem Siegel gegeben wurde.

Hiernach sollte er billigerweise wegen dieser Krankheit von niemandem belastet und belästigt werden. Dessen ungeachtet (so hat er sich beklagt) seid Ihr auch mit solchem Urteil und dem von uns gesiegelten Brief nicht zufrieden gewesen. Ihr hättet vielmehr gemeint, die durch uns vorgenommene Untersuchung und Beurteilung sei gegen die Gewohnheit Eurer Stadt geschehen. Es sei nämlich bei Euch Brauch, die der Lazarienkrankheit Verdächtigen nicht durch uns, sondern durch die mit derselben Lazarienkrankheit behafteten Menschen im Melatenhaus bei der Stadt Köln untersuchen zu lassen.

Das gereicht jedoch dem Hermann zu großem Schaden und Nachteil. Außerdem trägt das auch unserer Fakultät, unseren Privilegien, Siegeln und Gutachten Schmach und Verachtung ein. Das können wir nicht dulden. Denn wir und unsere Fakultät und nicht die Aussätzigen sind durch Kaiser und Papst zu solchen Untersuchungen und Beurteilungen eingesetzt und privilegiert.

Damit wir deswegen nicht Unwillen, Feindschaft, Arbeit und Unkosten zwischen Euch, uns und der gesamten Universität erwachsen, richten wir an Euch unser freundliches Begehren: Ihr möchtet den Hermann aufgrund unseres Siegels und Briefes (so wie Ihr auch Eure Siegel und Urkunden gerne beachtet seht) in Zukunft unverdächtigt, unbelästigt und unbehindert lassen, trotz Eurer Gewohnheit, die gegen päpstliche und kaiserliche Rechte verstößt und im ganzen Römischen Reich verurteilt werden muss. So können besagte Unwillen, Feindschaft, Arbeit und Unkosten erledigt werden. Ihr, wie jeder wirklich Verständige, könnt ja ermessen, dass sonst nicht nur uns, sondern auch der ganzen Universität ohne Grund auferlegt wäre, unsere von Papst und Kaiser verliehenen Privilegien und Rechte unverteidigt vernichten zu lassen.

Wir hoffen, dass Ihr dies billigt, und wir erwarten eine abschließende Antwort von Euch, damit wir uns danach richten können.

Ausgefertigt zu Köln unter dem Siegel unserer Fakultät am Sonntag nach Trinitatis (18. Juni), im Jahre 1527.

Dekan und medizinische Fakultät der Universität zu Köln.“

Um sich rechtlich abzusichern, holte die Stadt in Essen, Wesel und Dortmund Auskunft über die dortigen Gepflogenheiten ein. Es ergab sich, dass auch von diesen Städten die Melaten in Anspruch genommen wurden. Nun setzte sich der Recklinghäuser Stadtrat über die Warnung der Universität hinweg und schickte Moseler erneut nach Köln. Der Ausgang der Angelegenheit ist quellenmäßig nicht weiter überliefert, doch reicht das vorhandene Material aus, um einen tiefen Einblick in diesen Bereich der Sozialgeschichte zu bekommen.

Dieser Fall aus der Medizingeschichte zeigt, dass die von der mittelalterlichen ‚Verwaltung‘ Recklinghausens getroffenen Anordnungen durchaus heutigen gesundheitspolizeilichen Methoden entsprechen. Auch uns ist die Registrierung ansteckender Krankheiten geläufig, ebenso die dazugehörigen ärztlichen Zwangsmaßnahmen. Die Krankenbeschau durch die Melaten, die uns heute unverständlich und unverantwortlich erscheint, gehörte wahrscheinlich zum Bereich althergebrachter Gepflogenheiten und Rechtsgewohnheiten; d. h. die „ordentlichen“ Mediziner mussten sich ihre Zuständigkeit erst erkämpfen und einen höheren Grad von Professionalisierung erreichen. In dieses weite Feld gehört auch die geringe Verfügbarkeit von Ärzten, die erst heute in den Ländern der hochindustrialisierten Weltregionen zu einer flächendeckenden Versorgung geführt hat.