Willkommen auf unserer Homepage.

Corona: eine fürchterliche Pandemie

3515 Menschen aus Gladbeck sind bisher an Corona erkrankt, 86 von ihnen hat die Pandemie das Leben gekostet. Gut 3200 haben das Virus besiegt und gelten zum Glück als wieder gesund. Diese offiziellen Zahlen hat das Kreisgesundheitsamt bis zum 20. Februar ans Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet und der Stadt und den Medien mitgeteilt. Eine erschreckende Zwischenbilanz.

Denn hinter jeder Zahl dieser Statistik steckt ein persönliches Schicksal voller Leid der Erkrankten, das im schlimmsten Fall mit dem Tod endete. Tiefe Sorgen und oft Trauer um ihre Verwandten haben Familien und Freunde wochen- oder gar monatelang tief getroffen und um den Schlaf gebracht. Der blanke Horror!

Und doch gibt es bis heute zu viele Zeitgenossen, für die Vorsorge- und Schutzmaßnahmen nicht zu gelten scheinen. Die allgemein geltende AHA-Regel oder die Maskenpflicht werden einfach mißachtet, weil sie lästig oder unbequem sind. Einschränkungen der persönlichen Freiheiten werden zunehmend nur noch zähneknirschend akzeptiert. Ich meine damit nicht diejenigen, die sich wegen des anhaltenden Shutdowns berechtigte Sorgen um ihre berufliche oder persönliche Zukunft machen. Oder Familien, die wegen Home-Office, geschlossener Kitas und Schulen die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht haben. Ihnen allen gilt mein ehrliches Mitgefühl.

Gemeint sind alle, die ihre Freizeit-Gewohnheiten, ihren Spaß-Bereich bedroht sehen. Die jammern, weil Partys ausfallen oder Feuerwerke untersagt werden, weil sie sich nicht mit Freunden treffen dürfen, weil Tanz, Spiel und Sport ausfallen. Sicher: es Ist nicht einfach, monatelang Kinder und Enkel, Eltern und Großeltern nicht wie gewohnt in den Arm nehmen zu können, mit Ihnen zu plauschen oder sie zu drücken. Aber nur so wird es uns gelingen, diese fürchterliche Pandemie in den Griff zu bekommen. Denn bis eine Impfung uns hilft, werden noch viele Monate vergehen.

Dass dennoch immer noch Menschen das Corona-Virus klein reden, gar ganz in Abrede stellen und Protestveranstaltungen organisieren, kann ich nicht begreifen. Unfassbar! Meine Frau und ich haben gut 14 Wochen mit Corona in Krankenhäusern verbracht, haben Intensiv-Stationen, Intubation, Atem-Masken, OPs und Genesung in ganz kleinen Schritten hinter uns. Seit einigen Tagen – Gott, Ärztinnen und Ärzten, Schwestern und Pflegern, Therapeutinnen und Therapeuten sei dank – können wir uns wieder in unserer Wohnung mehr schlecht als recht einleben. Wir sind über den Berg, aber noch längst nicht im Tal.

Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes. Aber allen Zweiflern gönne ich nur einen einzigen Tag auf einer Corona-Intensivstation.

 Manfred Bogedain

Stadtquartiere sind ein starkes Stück

Der Ortsteil Butendorf veränderte mit einer Reihe von neuen Wohnvierteln entschieden sein Gesicht.

Butendorf gehört zweifellos zu den Stadtteilen in Gladbeck, die in den letzten Jahrzehnten gehörig gewachsen sind. Ob Wielandgarten, Heimannshof oder die kleine Ergänzung am Bertha-von-Suttner-Weg – der Ortsteil zwischen A 2 und B 224 veränderte nachhaltig sein Gesicht. Städtebaulich am auffälligsten war dies sicherlich mit den Baugebieten Butendorf Ost und -West – rechts und links der Horster Straße.

Mit diesen neuen Wohngebieten ist nicht nur die Reaktivierung einer Altlastenfläche (Butendorf West, ehemals Zechengelände Moltke 1/2) gelungen, sondern der ganze Stadtteil (inzwischen knapp 12.000 Einwohner, vor 30 Jahren 10.400) wurde städtebaulich Richtung Norden geführt und an die Innenstadt angebunden. Wer erinnert sich nicht: Einst war Butendorf weit vor den Toren der Stadt gelegen, die Straßenbahn machte früher, sobald sie stadtauswärts die Moltkebahn hinter sich gelassen hatte, richtig Tempo bis zur Kiebietzheide – vorbei an Feldern auf der einen und Zechenmauer und Brachflächen auf der anderen Seite.

Die Zeiten sind inzwischen längst vorbei, Felder und aufgegebene Bergbauflächen sind wie die Straßenbahn verschwunden. Allerdings brauchte es langen Atem und viele Jahre harter Arbeit dafür: Die Umsetzung des Bebauungsplanes „75/2 Butendorf-West“, einst in der Politik heftig umstritten, ist erst seit etwa fünf Jahren abgeschlossen, das Ganze dauerte sage und schreibe 33 Jahre! Und noch zehn Jahre länger her ist das Aus der Zeche Moltke 1/2, die es früher auf dem Gelände gab – Gladbecks erstes Bergwerk (seit 1873).

Gerade mit dem Stadtquartier auf der alten Zechenbrache ist ein starkes Stück Butendorf entstanden. 318 Wohneinheiten sind auf dem Areal zwischen Horster- und Steinstraße, Bergmann- und Schachtstraße gewachsen, die letzte Einheit waren vor gut fünf Jahren die 92 Wohnungen in den vier Mehrfamilienhäusern an der Ecke Horster-/Bergmannstraße. In der Regel entstanden Einfamilienhäuser als Reihen, Ketten-, Doppel- und freistehende Einfamilienhäuser, ergänzt durch einige wenige Mehrfamilienhäuser - eine attraktive Mischung, eine Bebauung für die unterschiedlichsten Geldbeutel und somit ein Gewinn für den Stadtteil und ein Gewinn für die ganze Stadt.

Ähnlich kann die Entwicklung des Bebauungsplans „75/1 Butendorf Ost“ östlich der Horster Straße bewertet werden: Auch sie dauerte viele Jahre, ging ab Anfang der 90er Jahre in mehreren Bauabschnitten letztlich schneller über die Bühne und gilt seit etwa zehn Jahren als abgeschlossen. Über 400 Wohneinheiten entstanden zwischen Horster- und Landstraße, Kiebitzheide- und Gartenstraße. Die Bebauung gilt als sehr verträglich und aufgelockert, ergänzt durch Freizeitangebote wie den Stadtteil- sowie den Skaterpark und kleinen Wald. Ein gelungenes, stadtnahes Quartier mit hohem Wohnwert, heißt es allenthalben.

Die lange Bauzeit über mehr als drei Jahrzehnte in den beiden Stadtquartieren hatte für Butendorf und seine Bewohner auch etwas Gutes: Ursprünglich war in den 60er und 70er Jahren in Butendorf-Nord eine Trabanten-Stadt geplant – mit terrassenförmigen Hochhäusern, einem zweiten Stadtbad und einer neuen durchgehenden Straße von der Stein- bis zur Landstraße, die in die Ringeldorfer Straße übergehen und Anbindung nach Buer schaffen sollte. Mehrere tausend Menschen sollten hier wohnen. Die beiden „Ecktürme“ dieser als „Gladbeck 2000“ bezeichneten Stadtplanungsidee wurden sogar realisiert: Das Hochhaus Steinstraße/Stallhermstraße im Westen (heute eine Problemimmobilie mit hohem Konfliktpotenzial und auch städtebaulich wahrlich kein Hingucker mehr) und das riesige Möbelparadies im Osten am Bramsfeld (samt einstigen Panoramacafé in der Dachetage) – seit langem aufgegeben und inzwischen bis auf einen Restschutthaufen verschwunden.

Zwischen Horster-, Land- und Bergmannstraße ist ein starkes Stück Butendorf entstanden.
Ein Blickfang an der Heilig-Kreuz-Kirche ist das Ärztezentrum, das gerade um ein zweites Haus erweitert wird.

Zu den berühmten Bebauungsplänen 75/1 und 75/2 kam es erst 1982 – berühmt deshalb, weil sie jahrelang zwischen den Stadtplanern und in der Politik hin und her diskutiert wurden. Notwendige großräumige Flächensanierungen ließen vor allem in Butendorf-West die Bauaktivitäten in den 80er- und 90er Jahren stocken. Auch in Butendorf-Ost wurden in einer Senke neben Kriegsschutt Kokereiablagerungen gefunden: Nach Auskofferungen entstand hier der Stadtteil- und Skaterpark, heute ein Highlight im Ortsteil, damals eher eine Notlösung. Denn eigentlich war hier eine weitere Bebauung geplant, wie sie zuvor am Riekchenweg entstanden war.

Ein wahres Quartiersjuwel entstand ab 2005 an der Wielandstraße mit dem „Wielandgarten“. Dieses starke Stück Butendorf wurde realisiert auf der Idee der Gartenstadt-Bauweise in einem Mix aus Reihenhäusern, Doppelhäusern und freistehenden Einfamilienhäusern auf bis dahin als Ackerland genutzter Fläche direkt neben Nattbach und dem Landschaftsschutzgebiet Heege – Wohnen in der Natur! Insgesamt wurden rund 200 Wohneinheiten gebaut.

Der Wandel in Butendorf geht weiter - eine Brache, die schon seit den 70er Jahren (im Zuge der Möbelparadies-Errichtung) auf eine Entwicklung wartet, ist mit dem Abriss der Möbelhausruine in die Aufmerksamkeit der Stadtplaner gerückt: Das drei Hektar große Areal zwischen Bramsfeld und Landstraße. Dort soll eine ökologisch geprägte Einfamilienhaus-Siedlung entstehen. Gedacht ist an eine Bebauung mit Einfamilienhäusern mit viel Dachbegrünung, überhaupt mit einer großzügigen Durchgrünung des Quartiers, mit einem Spielplatz, mit möglichst vielen Wegeverbindungen und offenen Wasserversickerungen (insbesondere für Starkregenfälle).

Aber auch mit einem Quartiersplatz, der vielfältig genutzt werden könne, zusätzlich „temporär“ (vor allem freitags) auch als Parkplatz für Besucher der benachbarten Moschee zur Verfügung stehen soll. „Eine anspruchsvolle Stadtquartiersbebauung“, lobt Stadtbaurat Dr. Volker Kreuzer den Bebauungsvorschlag. Allerdings steht der Baustart noch nicht fest, zunächst muss das Bebauungsplanverfahren abgeschlossen werden. Unmittelbar am Bramsfeld sind auf beiden Straßenseiten auch mehrgeschossige Bebauungen vorgesehen, für die Ostseite gibt es sogar schon eine Baugenehmigung. So könnte der hier seit Jahren durch die Möbelhausruine entstandene eher abgängige Eindruck bald der Vergangenheit angehören.

Und noch Highlight entwickelt sich in Butendorf: Das Ärztezentrum neben der Heilig-Kreuz-Kirche. Seit dem Sommer wird an einem zweiten Ärztehaus gebaut – die Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte, die 2016 mit dem ersten Ärztehaus begann. Bereits im Herbst soll der Neubau mit einer Reihe neuer Praxen bezugsfertig sein. Mit rund 2400 Meter Praxisfläche (drei Geschosse plus Staffelgeschoss) wird es sogar größer als das erste Haus. Und nebenan – mit der Heilig-Kreuz-Kirche – könnte der Wandel des Stadtteils weitergehen: Für das Kirchengebäude gibt es, wenn es künftig nicht mehr als Gotteshaus genutzt werden wird, Ideen, das Butendorfer Wahrzeichen zu einem medizinisch-therapeutischen Zentrum umzubauen. Doch das ist wirklich noch Zukunftsmusik in einem Stadtteil, der seit vielen Jahren im steten Wandel ist.

(s.a. Bildseiten)

Georg Meinert

Fotos: Peter Braczko

Kleinode in Gladbeck – Naturschutzgebiete in dicht besiedelter Stadt

In einer dicht besiedelten Region, wie es das Ruhrgebiet darstellt, sind Freiflächen wichtig. Darunter sind die am strengsten geschützten Bereiche, die Naturschutzgebiete, besondere Kostbarkeiten. Sie sind, und das ist fast überall der Fall, allerdings vielfältigen Belastungen ausgesetzt, so dass der Schutz und die Pflege immer wichtiger werden.

Gladbeck hat in seinem Stadtgebiet elf Naturschutzgebiete (NSG), obwohl die Stadt selber ja bei einer relativ kleinen Stadtfläche (rund 36 km2) sehr dicht besiedelt ist.

Grundsätzliches über die 11 in Gladbeck vorhandenen Naturschutzgebiete wurde bereits in Heft 2/2020 von „Gladbeck unsere Stadt“ dargestellt. In Heft 3/2020 wurden drei Naturschutzgebiete im Norden der Stadt im Einzelnen erläutert.

Diesmal werden weitere Naturschutzgebiete näher vorgestellt:

• Quälingsbachaue (N 4 im Landschaftsplan),

• Bloomsfeld (N 5 im Landschaftsplan), 

• Nattbach (N 6 im Landschaftsplan).

Quälingsbachaue

Im Stadtteil Rentfort-Nord befindet sich das Naturschutzgebiet Quälingsbachaue. Es ist etwa 6,5 Hektar groß und liegt in der Nähe der Altenwohnanlage der AWO, südlich der Uechtmannstraße und zieht sich entlang des Quälingsbaches.

Der Bachabschnitt ist etwa 800 Meter lang und wird begleitet durch bachbegleitende Hochstaudenfluren, Erlen-Eschenwald, Feuchtlandgrünflächen und Kopfbaumweiden. Auch einige Obstwiesen sowie ein Eichenwald sind noch vorhanden.

Der den Namen gebende Quälingsbach ist in diesem Bereich ein naturnaher Biotopkomplex mit typischem Arteninventar, wie z.B. Rohrkolben, Sumpf-Schwertlinie oder Ehrenpreis. Das Gewässer ist auch idealer Laichplatz für Amphibien. Die Erdkröte und der Grasfrosch sind dort noch beheimatet.

Das Naturschutzgebiet ist ein wichtiges ökologisches Vernetzungsglied in einer dicht besiedelten Landschaft und hat eine wichtige Ausgleichsfunktion gegenüber der teilweise „ausgeräumten“ Agrarlandschaft. Darüber hinaus erfüllt es zum benachbarten Siedlungsraum, auch insbesondere zur Altenwohnanlage, eine wichtige Erholungsfunktion.

Die Nähe zur Besiedlung führt aber häufig zu Störungen durch „wilde Müllablagerungen“. Diese müssen regelmäßig beseitigt werden. Darüber hinaus sieht der Landschaftsplan u.a. die Pflege der alten Obstbäume und das Schneiden der Kopfbäume vor. Der Eintrag von Nährstoffen durch die angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen führt auch zu einer Beeinträchtigung der Wasserqualität. In den letzten Jahren haben fehlende Niederschläge (Klimawandel) dazu geführt, dass der Bach vielfach kein Wasser führte.

Naturschutzgebiet Bloomsfeld

Das Naturschutzgebiet Bloomsfeld befindet sich im Osten der Stadt und erstreckt sich entlang der Autobahn A 52/ B 224 bis fast zur Stadtgrenze zu Gelsenkirchen. Es wurde – wie die anderen Gebiete auch – im Jahre 2001 mit der Rechtskraft des Landschaftsplanes unter Schutz gestellt.

Das Schutzgebiet ist ca. 4,5 Hektar groß und umfasst großflächige, z.T. wechselfeuchte Grünland- und Ackerbrachen, einen etwa 250 Meter langen Abschnitt des „Heegegrabens“ und einen angestauten Teich. Die trockenen, aber auch teilweise feuchten Ruderalfluren und Brachen haben eingestreute Gebüsch- und Gehölzbereiche. Sie bilden mit dem Graben, der von Schilfröhricht gesäumt ist, einen gut ausgebildeten Biotopkomplex von hoher struktureller Vielfalt.

Diese Vielfalt an unterschiedlichen Biotopen bieten gute Voraussetzungen als Rückzugs- und Ausbreitungsbiotop für feuchtgebietsabhängige Amphibien und Pflanzengesellschaften. Aber auch Schmetterlinge, Heuschrecken, Libellen und viele Vogelarten kommen dort vor. Zu nennen sind hier beispielhaft Dorngrasmücke, Gartenrotschwanz, Sperber, Klappergrasmücke und viele mehr. Auf den offenen Flächen findet man, wenn man Glück hat, Rebhuhn und Saatkrähe. Das Naturschutzgebiet bietet einen wichtigen Ausgleich in dem durch Siedlung und vor allem durch Verkehr beeinflussten Bereich.

Die Pflegeplanung sieht neben der regelmäßigen Müllentsorgung – wie leider fast überall auf etwas verborgenen Flächen – das Zurückschneiden von Gehölzen auf den offenen Brachflächen vor. Auch müssen die Kopfbäume regelmäßig zurückgeschnitten werden.

Auf Gelsenkirchener Gebiet setzt sich der wertvolle Landschaftsraum fort und ist dort als Landschaftsschutzgebiet festgesetzt worden.

Naturschutzgebiet Nattbach

Das NSG „Nattbach“ ist das älteste Gladbecker Naturschutzgebiet und wurde bereits im Jahre 1982 mit einer Fläche von damals rund 1,6 Hektar unter Schutz gestellt. Der engagierte Naturschützer Markus Jupe, vielen älteren noch bekannt, hatte sich intensiv um eine Unterschutzstellung bemüht und dieses auch beim zuständigen Kreis Recklinghausen erreicht.

Das Gebiet befindet sich im Oberlauf des Nattbaches, angrenzend an die Stadtgrenze zu Gelsenkirchen und verläuft entlang des Nattbaches bis hin zu den Teichanlagen in der Nähe der Kleingartenanlage. Es ist ein naturnahes Bachtal mit Hochstaudensäumen, Gehölzstrukturen und Teichanlagen. Der Schutzraum wurde im Rahmen der Festsetzung des Gladbecker Landschaftsplanes im Jahre 2001 vergrößert und hat heute eine Größe von 2,53 Hektar, ist im Verhältnis zu den anderen Naturschutzgebieten in Gladbeck recht klein.

Der Bachlauf – etwa in Ost-West-Richtung verlaufend – weist noch naturnahe, typische Bach- und Auenstrukturen wie Hochstaudensäume, ausgedehnte Flachwasser- und Vernässungsbereiche mit Röhricht- und Schilfbeständen sowie bachbegleitende Gehölzstrukturen in Form von Ufergehölzen, kleinen Erlenbeständen und auch Gebüschen auf. Die Teichanlage dient als Regenrückhaltebecken und folglich dem Hochwasserschutz. Der Teich, in dieser Form selten geworden in einer intensiv genutzten Kulturlandschaft, bietet vielen Tierarten einen attraktiven Lebensraum.

Das Naturschutzgebiet findet seine direkte Fortsetzung im Oberlauf des Baches auf Gelsenkirchener Stadtgebiet. Etwa 0,8 Hektar werden dort noch zusätzlich geschützt. Auch hier handelt es sich um Bachläufe mit angrenzendem Gehölzsaum. Im Landschaftsplan der Stadt Gelsenkirchen wird als Schutzzweck die Erhaltung von Lebensstätten, Biotopen oder Lebensgemeinschaften bestimmter wildlebender Tier- und Pflanzenarten besonders hervorgehoben.

Aufgrund der Nähe zur angrenzenden Wohnbebauung ist das Gelände leider häufig „vermüllt“. Hier bemühat sich die Stadt, der Kreis, aber auch die Anwohner darum, dass dieser „wilde Müll“, darunter auch häufig Bauschutt, entfernt wird und die Fläche den Pflanzen und Tieren uneingeschränkt zur Verfügung steht. Ein derartiges Kleinod gilt es zu schützen und zu erhalten.

Die genaue Lage der einzelnen Naturschutzgebiete geht aus dem Landschaftsplan der Stadt Gladbeck hervor, der auf der Homepage des Kreises Recklinghausen (www.kreis-re.de) einzusehen ist. Aber – diese Flächen sind wertvoll und müssen geschützt werden. Sehen und genießen, das ist das Einzige, welches man in oder in der Nähe dieser Gebiete machen sollte.

                  Text & Fotos: Dr. Dieter Briese

 

 

Musikpädagoge nutzt Pandemie zur Erfüllung eines Wunsches

Allerorten versetzt die Covid19-Pandemie das kulturelle Leben in tiefe Agonie: Konzerte, künstlerische Auftritte, Festivitäten und das gesamte Musikschulleben sind derzeit so stark eingeschränkt, dass die musische Welt fast völlig verstummt. Ähnlich ergeht es derzeit auch dem Diplom-Musikpädagogen Mario Tobies, der zusammen mit seiner Frau Ines seit 2011 die private Musikschule Pianissimo an der Voßstraße betreibt. „Eine Schule, die sich mit mittlerweile ca. 500 Schülern und Schülerinnen zu einer festen Größe im kulturellen Bildungsangebot der Stadt Gladbeck etabliert hat“, wie er in seiner Autobiographie schreibt.

Mario Tobies

Doch für den Musiklehrer, Chor- und Ensembleleiter, der zudem als Arrangeur und Dozent wirkt, hat die erzwungene Unterrichtspause dennoch etwas Gutes: der Lehrer für Klavier, Gesang und Musiktheorie hatte nun endlich die Zeit und Gelegenheit, sich einen alten Wunsch zu erfüllen, nämlich einen eigenen Klavierband herauszugeben. Ende 2020 war es soweit: Im Verlag Amusiko erschienen seine ‚12 Klaviermomente‘ – eigene Kompositionen, die aus der improvisatorischen Arbeit mit seinen Schülern und Schülerinnen entstanden sind. Kurze Stücke mit prägnanten Titeln wie „Auf dem Wasser“, „Dampfkarussell“, „Andalusische Kadenz“, „Leichte Brandung“ oder „Walking Quintfall“, eine immer wiederkehrende Wendung von fünf Akkorden.

Das pädagogische Ziel: Musikalische Anforderungen, wie Artikulation, Dynamik, Rhythmus und Harmonie nicht zu kurz kommen zu lassen und musikalische Gestaltung anzuregen! Die Qualität dieses Bandes beurteilt Isabel Gabbe, Professorin für Klavier und Klavierpädagogik an der Universität Mozarteum Salzburg wie folgt: „Dieser Band fördert abwechslungsreichen Klavierunterricht mit wechselndem Fokus auf Improvisation, Musiktheorie, Gestaltung anhand von Stücken abseits der Klassik, wie sie oft von jungen Menschen gespielt werden.“ Ihre Hoffnung ist, „dass diese Philosophie von Mario Tobies für viele Klavierpädagogen und -Pädagoginnen inspirierend sein möge, ähnliche eigene schöpferische Wege zu gehen.“

Mario Tobies wurde 1986 in Gladbeck geboren und machte seine ersten musikalischen Erfahrungen „ganz traditionell und konservativ im Rahmen der Musikalischen Grundausbildung im Grundschulalter“. Wie damals üblich schloss sich dann „nahtlos der damals obligatorische Blockflötenunterricht mitsamt dem Begleitfach Kinderchor und später der Orff‘sche Spielkreis an“. Nach einem Schnupperkurs im Bläserunterricht wurde dem kleinen Mario die Trompete empfohlen, die er danach auch gut sechs Jahre lang spielte.

Gleichzeitig entdeckte er seine Leidenschaft für das Klavier. Doch erst relativ spät, im Alter von 12 Jahren, begann Mario, Unterricht bei Christopher Nicholls zu nehmen. Der Unterricht war geprägt von moderner Improvisation, im Bereich von Pop, Rock, Jazz und Liedbegleitung sowie angewandter Musiktheorie. Chris Nicholls ist vielen Gladbeckern übrigens auch in guter Erinnerung als Keyboarder der „Jessica Band“, mit der er viele Auftritte und Triumphe feiern konnte.

„Der Klassik widmete ich mich weiterhin autodidaktisch“, erinnert sich Tobies und fährt fort: „Im Laufe der Jahre kamen weitere Instrumente hinzu – nicht zuletzt durch meine erste Band, in der jeder spielen musste, was gerade anfiel. So lernte ich Grooves auf dem Drumset, Riffs und Akkorde auf der E-Gitarre und durfte dann über viele Jahre mit dem E-Bass für das tiefe Fundament sorgen.“ In dieser Zeit begann er auch, erste eigene Songs zu schreiben und zu singen. Ein paar Jahre später veränderte sich sein Interesse und er lernte die Kirchenmusik schätzen: „Da mir als Jugendlicher die Ausdauer für einen zweijährigen C-Kirchenmusiker-Kurs fehlte, entschied ich mich für das kürzere D-Examen, lernte die Orgel zu spielen und machte erste Erfahrungen im Bereich der Ensemble-Leitung.“

Mit der bestandenen Eignungsprüfung an der Folkwang Universität der Künste im Jahr 2006 begann „die Professionalisierung meiner Musik-Karriere“, wie er es nennt. Im Rahmen des Diplom-Studiengangs Musikpädagogik in der damaligen Studienrichtung „Allgemeine Musikerziehung“ (AME, jetzt Elementare Musikpädagogik EMP) studierte Mario im Hauptfach AME bei Prof. Werner Rizzi, im Hauptfach Klavier bei Wolfgang Klein-Richter und belegte Chor- und Ensembleleitung bei Prof. Rizzi und Dr. Christian de Witt. „Das Studium schloss ich im Jahr 2011 mit der Gesamtnote 1,1 ab“, bekennt er. Das Thema seiner Diplomarbeit war „Ensemblearbeit an Musikschulen – Eine Standortbestimmung“: „Schon früh wurde mir während des Studiums klar, dass das Thema Ensembleleitung mich nicht mehr loslassen wird und so begann für mich eine immer größere Spezialisierung auf diesem Teilgebiet.“

Spielt auch gerne Gitarre: Mario Tobies

Um von der universitären Theorie hin zur Praxis zu kommen, suchte er sich nun diverse Chöre und bekam im Januar 2007 eine Anstellung als Leiter des Gladbecker Gospelchores „Morning Star“ der Evang. Kirchengemeinde Zweckel: „Wir starteten damals mit 18 Sängern und Sängerinnen im dreistimmigen Satz. Im Laufe der Jahre wuchs der Chor auf mittlerweile 42 Personen an und die jährlichen Gospelkonzerte sind an drei Tagen mit über 900 Zuschauern immer ausgebucht.“ Seitdem tritt der Chor regelmäßig mit großer Band mit Bläsersatz, Streichern, Drumset, Bass, Gitarre, Keyboards auf.

Es war im Jahr 2011, als eine weitere Neuerung in seinem Leben anstand: Mario gründete zusammen mit seiner Frau die private „Musikschule Pianissimo“ in Gladbeck. Dort sind inzwischen – neben ihm und seiner Frau Ines – 13 weitere Dozenten/innen tätig. Weiter ging es dann so: 2015 gründete er das genre-offene Vokalensemble ‚Pianissimo‘ – einen kleinen Chor, der vierstimmig und ohne Repertoiregrenzen singt. Parallel dazu starteten im Rahmen der Musikschularbeit kleinere gemischte Schülerensembles. 2019 entstand aus einem Workshop für Jugendliche der Jugendchor ‚YouNiques‘. Und Ende 2020 erschienen im Musikverlag ‚Amusiko‘ dann seine bereits erwähnten ‚12 Klaviermomente‘.

Stolz erklärt Mario Tobies: „Im Jahr 2021 kann ich auf eine bereits 17-jährige Erfahrung als Lehrer für Klavier, Gesang, Musiktheorie, Chor- und Ensembleleiter, sowie als Dozent für Workshops im Bereich Ensemble- und Instrumentalspiel zurückblicken.“

Und was wünscht er sich für die Zukunft? „Dass noch ein zweiter Klavierband mit eigenen Kompositionen erscheint und ich endlich wieder mit meinen Chören arbeiten und auf der Bühne stehen kann!“    

Detlev Kittler-Capredon

Fotos: Peter Braczko

Der ‚Schwarze Tod‘ und andere Pandemien wüteten schon im Mittelalter im Vest

Das Coronavirus hat uns voll im Griff. Doch es war nicht die erste Epidemie in unserer Region. Bereits 1991 hat Dr. Werner Koppe in ‚Gladbeck unsere Stadt‘ über mittelalterliche Epidemien im Vest berichtet. Aus Anlass der weltweiten Krise hat er seinen Artikel überarbeitet und aktualisiert:

Unsere heutigen Lebensgewohnheiten klammern epidemische Krankheiten geradezu aus und wir meinen mit moderner Medizin diese Art von Menschheitsgeißeln für immer ausgerottet zu haben. Das neuartige Coronavirus lehrt uns jedoch momentan etwas Anderes. Geradezu als Menetekel erweist sich zur Zeit auch die im Archäologischen Museum Herne aufgebaute Pest-Ausstellung, die aus gegebenem Anlass geschlossen ist. Von Epidemien ist unser Raum in der Vergangenheit sehr häufig heimgesucht worden, doch wie ging man früher mit Seuchen um?

Schon seit dem Altertum sind uns Seuchen überliefert. Im Mittelalter traten besonders Aussatz und Pest epidemisch auf. Daher führten vor allem die Städte als Orte menschlicher Zusammenballung vielfach seit dem Auftreten der Pest in den Jahren 1348 – 1350 für Fremde eine Isolierung unter ärztlicher Aufsicht ein, die vierzig Tage dauerte. Der Begriff ‚Quarantäne‘ hat sich aus diesem Grund eingebürgert.

Der Aussatz, auch als Lepra, Mieselsucht, Lazarienkrankheit oder Malazie bezeichnet, war in Europa schon vor dem 12. Jahrhundert bekannt, doch erst seit den Kreuzzügen fand er hier eine größere Verbreitung. Das Krankheitsbild der Lepra ist gekennzeichnet von Knotenbildungen unter der Haut und in einem späteren Stadium mit Ausbildung von offenen Geschwüren. In der weiteren Entwicklung der Krankheit reißen die Gelenkbänder, die Gliedmaßen beginnen zu faulen und fallen schließlich ab.

Da es keine eindeutige medizinische Beschreibung der Krankheit gab, vielmehr Symptome und Erscheinungsformen unterschiedlicher Hauterkrankungen in einen Topf geworfen wurden, mussten häufig auch Nichtbefallene mit dem Makel des Aussatzes leben. Das bedeutete für die Betroffenen in der Regel den Ausschluss aus der Gesellschaft. Um nämlich Infektionen weiterer Bevölkerungsgruppen zu verhindern, versuchte man den Aussatz durch Isolierung der Befallenen zu bekämpfen. Verdächtige Personen mussten sich untersuchen lassen. Die abgesonderten Leprösen mussten eine besondere Kleidung tragen, die sie als Aussätzige kennzeichnete. Außerdem trugen sie einen Esskorb, ein Wassergefäßchen und eine Klapper bei sich, mit der sie sich gegenüber Gesunden bemerkbar machen mussten.

Dieser zeitgenössische Stich zeigt einen mittelalterlichen Pestarzt in Schutzkleidung.

Unter welchen Bedingungen ein Aussätziger leben musste, war in besonderen Rechtsvorschriften festgelegt. Im Erzstift Trier klang das so: „Es ist Dir verboten, … in die Kirchen, auf den Markt, in die Mühle, an den Backofen und in die Volksversammlung zu gehen. … Es ist Dir verboten, Deine Hände … in Quellen und Rinnen … zu waschen… Ich gebiete Dir außerdem, nur einherzugehen in Deinem Leposenanzug. … Ferner befehle ich Dir, wenn auf dem Wege Dir jemand begegnet und Dich befragt, Du nicht antwortest, bis Du aus der Windrichtung gegangen bist, damit er nicht von Dir den Tod empfange…“

Die meisten Städte besaßen weit außerhalb ihrer Mauern Unterkünfte für Leprose, die seit dem 12. Jahrhundert erstmalig schriftlich erwähnt werden. Es existierten manchen Orts besondere Hospitäler zur Pflege dieser Kranken. Sie wurden häufig vom Orden des Hl. Lazarus betrieben (vergl. das Gleichnis vom armen Lazarus und reichen Prasser). Vermutlich rührt der Begriff ‚Lazarett‘ von Krankenhäusern dieses Ordens her.

Die Stadt Recklinghausen wurde im Laufe ihres Bestehens häufig von Epidemien heimgesucht. Als besondere Geißel des Mittelalters und der frühen Neuzeit erwies sich dabei die Pest, der ‚Schwarze Tod‘. In kurzer Zeit wurden, wenn diese Krankheit eingeschleppt war, ganze Stadtviertel und Städte entvölkert. In der vestischen Stadt wütete sie insgesamt siebenmal: 1350, 1530/31, 1555, 1578, 1582, 1599 und 1635/36. Trotz strenger Überwachung der Stadttore gelang es nicht, ein Einschleppen der Pest in den Ort jeweils zu verhindern. Die Befallenen wurden dann entweder innerhalb der Stadt isoliert, d.h. sie durften ihre Häuser nicht verlassen, oder sie wurden in unbewohnte Stadtviertel abgeschoben, z. B. zum Löhrhof. 1578 wurde für die Pestkranken eine Hütte außerhalb gebaut, weit draußen im sumpfigen Emscherbruch, dem südlichen Teil der Recklinghäuser Mark. In den städtischen Rentmeisterrechnungen heißt es dazu: „Item uff dem Braucke vor die krancken / ein Huißken gemaket, Darauer gewesen / dach facit 1 s“.

In Dorsten gab es an der städtischen Peripherie, in der Nähe des Stadtgrabens, ebenfalls ein Pesthaus. Es wird 1526, 1667 und 1676 in der Dorstener Rentmeisterrechnung erwähnt.

Die wohlhabenden Stadtbewohner versuchten, wie auch der Schriftsteller Boccaccio aus Italien berichtet, der Ansteckungsgefahr in der Stadt zu entgehen, wo schlechte hygienische Verhältnisse der Ausbreitung epidemischer Krankheiten geradezu Vorschub leisteten. Sie flüchteten aufs Land, in die Dörfer und Bauerschaften der näheren Umgebung, nach Oer, Ahsen, Suderwich oder Speckhorn, wo sie das Ende der Pest abwarteten.

Es gab kein Heilmittel gegen die Pest. Erst sehr spät wurde klar, dass ihre Ausbreitung durch die Isolation der Kranken eingedämmt werden konnte. Um 1423 entstand bei Venedig das erste Pestkrankenhaus Europas.

Im Jahr 1606 erließ der Kurfürst-Erzbischof von Köln für seine Lande eine längst überfällige Pestverordnung, die bereits Züge moderner Medizin und Hygienevorstellung in sich trug. Es heißt dort:

„Bei der im Reiche herrschenden Pest wird folgendermaßen verordnet:

2.
Ueberal muß die größte Reinlichkeit der öffentlichen Straßen, Plätze und Höfe erhalten, insbesondere sollen aber alle faulen Ausdünstungen verbreitende Gegenstände, so wie die Excremente der von der Pest inficirten Personen, in die fließenden Gewässer und die heimlichen Gemächer gebracht und gegossen werden.

3.
Bei eintretenden Symptomen der Ansteckung muß der Erkrankte sofort die ärztliche Hilfe suchen, und, mit gottergebenem Sinne ohne Schrecken, die im Beginn der Krankheit oft wirksam befundenen Arzneien anwenden.

6.
Die Anhäufung des Düngers in den Ortschaften, so wie die Verunreinigung der Gassen mit diesem und mit Aesern von Haus- und anderen Thieren, darf nicht stattfinden, und sollen desfalls besondere Aufseher angeordnet werden.

7.
und 8. Den Obsthändlern und Metzgern wird rücksichtlich ihres Gewerbes die sub 2. befohlene Maßregel zur besonderen Pflicht gemacht.

10.
Die von der Krankheit genesenen Personen müssen einen Monat lang sich streng in ihren Wohnungen halten, und auch im zweiten Monat nach ihrer Genesung sich nicht in zahlreiche Gesellschaften, besonders nicht in enge Räume begeben, deshalb auch nur die weniger besuchten Kirchen benutzen; diejenigen welche ihre erkrankten Mitbewohner eines Hauses nicht gleich verlassen wollen, müssen sich vierzehn Tage nach ihrem Abzug sich wie die Genesenen verhalten; diejenigen aber, welche einen Erkrankten sofort verlassen, sind nur zu einer viertägigen Isolierung verpflichtet.

11.
Die Wanderer und Reisenden sollen an den Pforten der Ortschaften eidlich abgefragt werden, ob sie aus inficirten oder pestfreien Orten oder Häusern kommen, und im ersten Falle zurückgewiesen werden.

12.
Kein Einwohner eines Ortes darf eine auswärtig wohnende inficirte befreundete oder verwandte Person bei sich aufnehmen, bei Vermeidung öffentlicher und beschimpfender Leibesstrafe.

15.
Das Leib- und Bettgeräthe der Kranken darf an öffentlichen Flüssen, Bächen und Gewässern nicht gewaschen, getrocknet und gelüftet, und noch weniger versendet, verkauft oder feilgeboten werden, und wird dessen Verbrennung als sicherstes Verhütungsmittel der Ansteckung dringend empfohlen.

16.
Das Halten von Schweinen, Tauben, Kaninen u. a. dergl. Thieren und Vögeln innerhalb der Ortschaften wird, wegen ihrer schädlichen Ausdünstung, verboten. – Die erkrankten armen Dienstboten sollen auf Begehren ihrer Brodherrn in Spitälern u. a. abgelegenen Orten willig aufgenommen und mit Kirchenmitteln versehen, auch mit gebührlicher Leibes-Nothdurft und ärztlich verpflegt werden.“

Bei ansteckenden Krankheiten waren auch schon im Mittelalter Hygiene-Vorschriften zu beachten.

Ebenso gefürchtet war neben der Pest auch der Aussatz, doch nahm hierbei die Zahl der Erkrankungen bei weitem nicht das Ausmaß der Pestepidemien an. Zur Isolierung der Leprösen ließ der Recklinghäuser Stadtrat diese Personen in kleinen Hütten am Segensberg in Hochlar unterbringen. Die Gebäude wurden nach dem Tod ihrer Bewohner verbrannt, um ein Konservieren der Krankheitserreger zu vermeiden. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ließ die Stadt Recklinghausen am gleichen Standort ein größeres Gebäude errichten, vermutlich, weil die Anzahl der Befallenen in der Zwischenzeit angestiegen war.

Der Name der Örtlichkeit – in der Nähe befand sich auch die städtische Hinrichtungsstätte – lautete eigentlich ‚Seikensberg‘ (von seik = siech, krank, aussätzig) und verschliff sich später zum irreführenden „Segensberg“. In einer Straßenbezeichnung ‚Am Siechenkotten‘ – allerdings an anderer Stelle – lebt diese mittelalterliche Einrichtung fort. Die Siechen mussten in Hochlar unter erbärmlichen Bedingungen leben, wurden gerade mit dem Notwendigsten versorgt und hatten nur Kontakte zu ihren Leidensgenossen.

Die Anlage am Siechenberg war gleichsam Endstation für Aussätzige. Bevor jedoch der Aussatz nicht eindeutig festgestellt war, wies die Stadtobrigkeit keinen aus der Stadt, denn wer einmal zu den gesellschaftlich Ausgestoßenen vom Siechenkotten gehörte, hatte keine Möglichkeit der Rückkehr, da es keinerlei Heilungschancen gab. Deshalb unterhielt die Stadt Recklinghausen auf dem Kirchhof bei St. Peter ein Melatenhäuschen (vom franz. malade = krank, aussätzig), in das Aussatzverdächtige zunächst eingewiesen wurden, bevor sie nach Köln zu einer Untersuchung geschickt wurden. Die Unterbringung im Melatenhaus wurde angeordnet, um die Ansteckungsgefahr für die gesunde Bevölkerung auszuschließen, gleichzeitig die Aussatz-Verdächtigen vor möglicher Ansteckung im Siechenhaus zu bewahren, falls sie nicht aussätzig waren.

Auch in Dorsten gab es besondere Einrichtungen für Aussätzige. Anfänglich wurden die Leprösen hier wahrscheinlich 1 Kilometer westlich der Stadt in Richtung Gahlen (in Lippenähe) auf einem Areal untergebracht, das die Bezeichnung ‚Segenbrockskamp‘ (= Siechenbruch-Wiese) hatte. Möglicherweise befand sich auf dem dortigen ‚Jürgenfeld‘ ein Leprosium. Später wurde ein solches ‚domus leprosorium‘ an der Straße nach Kirchhellen errichtet und mit einer Kapelle ausgestattet, die noch heute, wiederaufgebaut, an historischer Stelle steht. Die Straßenbezeichnungen ‚An der Seikenkapelle‘ und ‚Seikenheide‘ weisen auf die alten Bezüge hin.

1489 werden Siechenhaus und Kapelle erstmals im ‚Liber statutorum‘, dem Verzeichnis städtischer Rechte und Rechtsgewohnheiten, erwähnt. Danach war jährlich eine Überprüfung dieser Einrichtung durch den Pfarrer von Dorsten und zwei Stadtratsmitgliedern vorzunehmen; der Termin dafür war der 24. Februar. Die Existenz eines Siechenhauses im Raum Dorsten ist jedoch sicherlich viel früher als die Ersterwähnung im Dorstener Rechtsbuch anzunehmen.

Die alte Siechenkapelle in Dorsten, hier auf einem Foto aus dem Jahr 1926, wurde 1945 von einer Bombe getroffen und 1961 wiederaufgebaut.

Die Frucht vor ansteckenden Krankheiten war nicht nur in Recklinghausen und Dorsten groß, die Stadträte griffen deshalb scharf durch. Die unhygienischen Verhältnisse – bedingt durch fehlende Kanalisation und Abfallbeseitigung – förderten die Verbreitung von Krankheiten geradezu, doch konnte auch durch strenge Maßnahmen keine durchgreifende Verbesserung erreicht werden.

In Recklinghausen mussten selbst angesehene Personen wie der Weinwirt und Ratsherr (von 1517 – 1520) Hermann Moseler den Anordnungen des Stadtrates bei Verdacht einer ansteckenden Krankheit Folge leisten. Hermann Moseler war auf Veranlassung des Rates der Stadt Recklinghausen im Jahr 1527 nach Köln gegangen und hatte sich, entgegen städtischen Gepflogenheiten, nicht bei den Melatenmeistern, welche selber aussätzig waren, sondern an der medizinischen Fakultät der Kölner Universität untersuchen lassen.

Das von der Universität nach erfolgter Untersuchung ausgestellte Gutachten ergab zwar einen bedenklichen Gesundheitszustand Moselers – Schwellungen an Füßen und Händen, eingefallene Augenhöhlen bei gleichzeitigem Vorquellen der Augen, Schorfbildung auf der Haut – weshalb ihm ärztliche Behandlung angeraten wurde. Aussätzigkeit wurde nicht diagnostiziert. Da sich der Recklinghäuser Stadtrat mit diesem Testat nicht zufrieden gab und eine Untersuchung bei den Kölner Melaten verlangte (heute noch als Friedhof Melaten existent), wandte sich der Weinwirt an die Universität, die in einem strengen Brief an die Recklinghäuser Stadtobrigkeit auf ihre Privilegien und Rechte hinwies.

Der ‚Schwarze Tod‘ raffte im Mittelalter ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin.

Den Melaten wurde des Weiteren das Recht der Aussätzigen-Beschau ausdrücklich abgesprochen, da bei den Untersuchungen gesunde Patienten angesteckt würden. Der Wortlaut dieses Schreibens ist in der Übersetzung aus dem frühen Neuhochdeutsch folgender:

„Unseren freundlichen Gruß zuvor, und was wir sonst noch vermögen, ehrsame, vorausschauende, günstig gesonnene, gute Freunde!

Der ehrsame Hermann Moseler, Euer Mitbürger, hat uns folgendes geklagt: Er sei vor einiger Zeit von etlichen Missgünstigen verdächtigt worden, dass er mit der Lazarienkrankheit oder dem Aussatz befleckt sei. Deshalb sollte er billigerweise von der Gemeinschaft und Gesellschaft aller gesunden Menschen abgesondert werden, damit niemand von ihm angesteckt würde.

Als ein guter Mensch, der seine Nächsten nicht gerne mit einer Krankheit anstecken wollte, hat er sich darum auf Euren Befehl persönlich zu uns begeben. Er hat sich unserer Prüfung und Besichtigung unterworfen, um die Wahrheit über das Gebrechen zu erfahren. Er ist durch uns, die wir als zuständige Richter über solche Gebrechen von Papst und Kaiser (denen jeder in solchem Fall folgen muss) eingesetzt worden sind und auch die Untersuchung und Beurteilung solcher Krankheit seit über 100 Jahren ungestört ausgeübt und unverletzt besessen haben, des Gebrechens der Lazarien frei und unbefleckt befunden und erachtet worden. Dies ist aus dem Untersuchungsbericht ersichtlich, der ihm darauf mit unserem Siegel gegeben wurde.

Hiernach sollte er billigerweise wegen dieser Krankheit von niemandem belastet und belästigt werden. Dessen ungeachtet (so hat er sich beklagt) seid Ihr auch mit solchem Urteil und dem von uns gesiegelten Brief nicht zufrieden gewesen. Ihr hättet vielmehr gemeint, die durch uns vorgenommene Untersuchung und Beurteilung sei gegen die Gewohnheit Eurer Stadt geschehen. Es sei nämlich bei Euch Brauch, die der Lazarienkrankheit Verdächtigen nicht durch uns, sondern durch die mit derselben Lazarienkrankheit behafteten Menschen im Melatenhaus bei der Stadt Köln untersuchen zu lassen.

Das gereicht jedoch dem Hermann zu großem Schaden und Nachteil. Außerdem trägt das auch unserer Fakultät, unseren Privilegien, Siegeln und Gutachten Schmach und Verachtung ein. Das können wir nicht dulden. Denn wir und unsere Fakultät und nicht die Aussätzigen sind durch Kaiser und Papst zu solchen Untersuchungen und Beurteilungen eingesetzt und privilegiert.

Damit wir deswegen nicht Unwillen, Feindschaft, Arbeit und Unkosten zwischen Euch, uns und der gesamten Universität erwachsen, richten wir an Euch unser freundliches Begehren: Ihr möchtet den Hermann aufgrund unseres Siegels und Briefes (so wie Ihr auch Eure Siegel und Urkunden gerne beachtet seht) in Zukunft unverdächtigt, unbelästigt und unbehindert lassen, trotz Eurer Gewohnheit, die gegen päpstliche und kaiserliche Rechte verstößt und im ganzen Römischen Reich verurteilt werden muss. So können besagte Unwillen, Feindschaft, Arbeit und Unkosten erledigt werden. Ihr, wie jeder wirklich Verständige, könnt ja ermessen, dass sonst nicht nur uns, sondern auch der ganzen Universität ohne Grund auferlegt wäre, unsere von Papst und Kaiser verliehenen Privilegien und Rechte unverteidigt vernichten zu lassen.

Wir hoffen, dass Ihr dies billigt, und wir erwarten eine abschließende Antwort von Euch, damit wir uns danach richten können.

Ausgefertigt zu Köln unter dem Siegel unserer Fakultät am Sonntag nach Trinitatis (18. Juni), im Jahre 1527.

Dekan und medizinische Fakultät der Universität zu Köln.“

Um sich rechtlich abzusichern, holte die Stadt in Essen, Wesel und Dortmund Auskunft über die dortigen Gepflogenheiten ein. Es ergab sich, dass auch von diesen Städten die Melaten in Anspruch genommen wurden. Nun setzte sich der Recklinghäuser Stadtrat über die Warnung der Universität hinweg und schickte Moseler erneut nach Köln. Der Ausgang der Angelegenheit ist quellenmäßig nicht weiter überliefert, doch reicht das vorhandene Material aus, um einen tiefen Einblick in diesen Bereich der Sozialgeschichte zu bekommen.

Dieser Fall aus der Medizingeschichte zeigt, dass die von der mittelalterlichen ‚Verwaltung‘ Recklinghausens getroffenen Anordnungen durchaus heutigen gesundheitspolizeilichen Methoden entsprechen. Auch uns ist die Registrierung ansteckender Krankheiten geläufig, ebenso die dazugehörigen ärztlichen Zwangsmaßnahmen. Die Krankenbeschau durch die Melaten, die uns heute unverständlich und unverantwortlich erscheint, gehörte wahrscheinlich zum Bereich althergebrachter Gepflogenheiten und Rechtsgewohnheiten; d. h. die „ordentlichen“ Mediziner mussten sich ihre Zuständigkeit erst erkämpfen und einen höheren Grad von Professionalisierung erreichen. In dieses weite Feld gehört auch die geringe Verfügbarkeit von Ärzten, die erst heute in den Ländern der hochindustrialisierten Weltregionen zu einer flächendeckenden Versorgung geführt hat.

 

 

Stadtquartiere prägen das Bild von Butendorf

Astrid-Lindgren-Straße
Schachtstraße
Steinstraße
Bertold-Brecht-Straße
Geschw. Scholl Straße
Rückseite Horster Straße
Verlängerte Moltkesiedlung
Lindemannweg

Fotos: Peter Braczko

Katrin Bürgel - Abschied von Gladbeck

Seit 2009 leitete sie das Gladbecker Stadtarchiv. Nach elfeinhalb Jahren erfolgreicher Tätigkeit hat Katrin Bürgel zum 31. Januar 2021 Gladbeck verlassen und hat in ihrer Heimatstadt Kleve ebenfalls die Leitung des Stadtarchivs übernommen. Auch wenn sich ihre Entscheidung also nicht gegen Gladbeck richtet, so ist ihr Abschied doch ein echter Verlust für unsere Stadt.

Stadtarchivarin Katrin Bürgel zieht es in ihre Heimatstadt Kleve.

Geboren 1976 in Kempen am linken Niederrhein, wuchs Katrin Bürgel in Kleve auf und studierte nach dem Abitur Geschichte und Deutsch an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf mit den Abschlüssen des Ersten Staatsexamens und des Magister Artium (M.A.). Ab 2006 folgte ein Referendariat für den höheren Archivdienst im Landesarchiv Sachsen-Anhalt in Magdeburg und an der Archivschule in Marburg. Nach kurzer Zwischenstation im Hessischen Staatsarchiv arbeitete sie 2008 und 2009 als wissenschaftliche Archivarin im Landesarchiv Sachsen-Anhalt und wechselte am 1. September 2009 als Stadtarchivarin und Stadthistorikerin nach Gladbeck. Davor leitete Rainer Weichelt das Stadtarchiv, früher Stadthistoriker und jetzt Erster Beigeordneter. 2007 hatte das Stadtarchiv seine heutigen Räume im Untergeschoss des Neuen Rathauses bezogen.

Was sind die wichtigen Aufgaben des Gladbecker Stadtarchivs? Katrin Bürgel formuliert es so: „Das Stadtarchiv wird als das historische Gedächtnis der Stadt bezeichnet. Hier werden Unterlagen verwahrt, die für die Geschichte Gladbecks von Bedeutung sind, Rechtssicherheit bieten, das Verwaltungshandeln der Stadt nachvollziehbar machen und die Erforschung der Stadtgeschichte ermöglichen.“ Mit ihrem kleinen Mitarbeiterteam widmete sich die neue Leiterin zunächst den Kernaufgaben des Stadtarchivs, also der Bewertung, Übernahme, Erschließung und Sicherung von Beständen. Hierzu zählen die amtlichen Unterlagen der Stadtverwaltung und der politischen Gremien der Stadt. Dazu kommen Sammlungen von Fotos, Plakaten oder Zeitungen, aber auch Nachlässe sowie Unterlagen von Vereinen und Parteien. Außerdem verwaltet das Stadtarchiv die Bauakten Gladbecks zur Einsicht für Eigentümer und beauftragte Personen.

Weitsichtig forcierte Katrin Bürgel die Einführung des elektronischen Archivs. Immer mehr Akten fallen digital an. Auch diese Dokumente muss das Archiv für die Zukunft verwahren. Zum elektronischen Archiv gehört auch das Projekt zur Digitalisierung der Ratsprotokolle, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Auf keinen Fall soll das Stadtarchiv als Verwahrstätte von großen Aktenbeständen vor sich „hindümpeln“. Ganz im Gegenteil: „Das Stadtarchiv ist für alle öffentlich zugänglich. Jeder kann Fragen an das Stadtarchiv richten, auf Spurensuche in historischen Unterlagen gehen und die Geschichte der Stadt entdecken.“

Katrin Bürgel führte ein „offenes“ Archiv, wie es sich alle an Stadt- oder Familiengeschichte Interessierten wünschen - mit einer schnellen Beantwortung von Anfragen und bereitwilliger Hilfestellung bei der Recherche. Das Archiv mit seinem historischen Bildungsauftrag soll lokalgeschichtliches Bewusstsein vermitteln, die Gladbecker Identität stärken und die Erinnerungskultur fördern. Katrin Bürgel hat das „Wissen“ des Archivs in die Öffentlichkeit hinausgetragen, insbesondere durch Ausstellungen, Führungen, Vorträge und Publikationen.

Ganz im Sinne des Bildungsauftrags versteht sich das Projekt „Historische Orte in Gladbeck“. Wann und von wem wurde das Rathaus erbaut? Wie entstanden die Bergbausiedlungen? Oder: Wo befand sich der alte Luftschacht? Die an Orten mit besonderer Bedeutung aufgestellten Informationstafeln wollen dem Betrachter Geschichte näher bringen. Sie vermitteln lokalgeschichtliche Hintergründe, bieten historische Fotos und weisen über QR-Codes auf weiterführende Angaben im Internet.

Solche Informationstafeln findet man zum Beispiel am Rathaus, in der Moltkesiedlung in Butendorf, am Ehrenmal in Wittringen oder auch am Haus Horster Straße 54. Heute befindet sich hier eine Beratungsstelle der AWO. Bis zur „Reichspogromnacht“ 1938 war in dem Gebäude, das der jüdischen Familie Kaufmann gehörte, der Betsaal der kleinen jüdischen Gemeindeuntergebracht. Katrin Bürgel suchte den Kontakt zu den in aller Welt verstreuten Nachfahren der Familie. Dabei kam es zu eindrucksvollen Begegnungen. So trafen sich erstmals zwei Cousinen, die in Israel und in den Niederlanden leben. Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung am 9. November 2018 zum 80. Jahrestag der Pogromnacht erhielt das Gebäude den Namen „Ida und Max Kaufmann-Haus“ – zur mahnenden Erinnerung und als Andenken an seine früheren Bewohner.

In den letzten Jahren gab es regelmäßig Führungen mit dem Blick hinter die Kulissen des Archivs oder die Beteiligung am „Tag der Archive“. Außerdem organisierte Katrin Bürgel wichtige Ausstellungen zur Stadtgeschichte. Dazu zählen „Meine Stadt. Unsere Geschichte. 100 Jahre Stadt Gladbeck“ – eine Ausstellung 2019 zum Gladbecker Stadtjubiläum, dann 2014 „Heldentod und Heimatfront“ über die Gladbecker Gesellschaft zur Zeit des Ersten Weltkriegs oder „Jüdisches Leben inGladbeck“, eine Ausstellung 2013 unter der Schirmherrschaft des Regierungspräsidenten.

Im Stadtarchiv stöbern Katrin Bürgel und der Schauspieler Marco Spohr. Sie haben oft gemeinsame Projekte durchgeführt.

Im Zusammenhang mit der Ausstellung zum Ersten Weltkrieg brachte Katrin Bürgel zusammen mit dem Historiker Dr. Ludger Tewes 2016 ein umfangreiches Buch heraus: „Auf ein frohes Wiedersehen, liebe Mutter. Kriegskultur und Erfahrungshaltung im westfälischen Amt Gladbeck 1914 – 1918“. Mit dieser wissenschaftlichen Publikation begründete sie die neue „Schriftenreihe des Stadtarchivs Gladbeck“, in der in Zukunft Quellen und Forschungen zur Stadtgeschichte veröffentlicht werden sollen. Im Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Wirken sei auch der „Westfälische Archivtag“ erwähnt, den Katrin Bürgel 2015 nach Gladbeck holte. Über 200 Teilnehmer waren damals dabei.

Mit viel Engagement betrieb Katrin Bürgel die Bildungsarbeit mit den Gladbecker Schulen, so im Projekt „Kulturstrolche“ für Kinder der Grundschulen mit der Einrichtung eines Kinderarchivs oder bei einer Geocoaching-Tour für Jugendliche im Projekt „Kulturrucksack“. Das Archiv als außerschulischer Lernort bietet vor allem den weiterführenden Schulen einen lebendigen Unterricht mit Geschichtsvermittlung aus erster Hand, weil Schülerinnen und Schüler an Originalquellen arbeiten können.

Herausragend war 2017 das Schauspielprojekt „Gladbeck unterm Hakenkreuz. Nie wieder!“ –zusammen mit dem Jugendrat und dem Ratsgymnasium. Die beeindruckenden Schüler-Aufführungen unter der Regie von Marco Spohr fanden große öffentliche Anerkennung. Die Jugendlichen machten durch ihr Spiel, so Katrin Bürgel, „die Zeit des Nationalsozialismus sichtbar und begreifbar. Umso mehr muss die Demokratie im Heute wertgeschätzt werden“. Das Projekt wurde vom Jüdischen Museum Westfalen dem „Margot-Spielmann-Preis“ ausgezeichnet und platzierte sich beim Landeswettbewerb „Jugend.Kultur.Preis“ unter den 30 Besten bei 226 Bewerbungen.

Etwas Besonderes waren auch die „szenischen Lesungen“. Wer dabei war, wird diese eindringlichen Geschichtserlebnisse in bleibenderErinnerung behalten. Zusammen mit dem professionellen Hagener Schauspieler Marco Spohr präsentierte sie zu verschiedenen Themen die Quellen des Stadtarchivs und erläuterte die Hintergründe. Die gut besuchten Abende, häufig in Kooperation mit der Volkshochschule, widmeten sich etwa 2018 dem Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, 2019 dem Gladbecker Stadtjubiläum oder im Corona-Jahr 2020 – dann als durchaus beeindruckende Videokonferenz – dem Nationalsozialismus in Gladbeck.

Die Bildungsarbeit mit den Grundschulen entwickelte Katrin Bürgel im Projekt „Kulturstrolche“. Weiterführenden Schulen bot sie Geschichtsvermittlung aus erster Hand an.

Geschickt entwickelte sie mit Marco Spohr das Format der „szenischen Lesungen“ weiter zu „szenischen Führungen“ an historischen Orten. Der Rundgang „Gladbecker Steine sprechen“ ist ein Beispiel dafür, bei dem sich die Teilnehmer auf die Spuren der NS-Zeitbegeben und Schauplätze und Geschehnisse wieder lebendig werden. So „begegnen“ die Teilnehmer im Alten Rathaus dem ehemaligen Nazi-OB Dr. Bernhard Hackenberg und am Jovyplatz dem politisch verfolgten Sozialdemokraten Mathias Jakobs.

Katrin Bürgel gilt es, für ihr Wirken in Gladbeck zu danken und ihr an neuer Arbeitsstätte in der früheren Residenzstadt Kleve viel Erfolg zu wünschen. Für Gladbeck bleibt zu hoffen, dass die wichtige Stelle der Archivleitung zügig wiederbesetzt wird. Die Nachfolgerin oder der Nachfolger, so wünscht man sich,möge die offene, ideenreiche und engagierte Archivarbeit weiterführen.     

                           Dietrich Pollmann
Fotos: Dietrich Pollmann

60 Jahre Jazz in Swinging Gladbeck

Anfang 1960 trafen sich einige junge Männer, alle um die 20 Jahre alt und ihnen gemein: die Freude am Jazz. Sie gründeten die ‚Interessensgemeinschaft Jazz‘, aus der der Jazzclub Gladbeck hervorging. Nach der Neugründung 1985 ist alles, was Rang und Namen in der europäischen Szene des Traditional Jazz hat, hier aufgetreten. ‚Jazz in Swinging Gladbeck‘, ein vom Entertainer Harald Schmidt im Rahmen eines Städtevergleichs geprägter Begriff, wurde zum Markenzeichen – Stadtwerbung im besten Sinne.

Bei der Aktion ‚Licht an die Mauer‘ brachte der Vorstand des Jazzclubs einen Weihnachtsbaum mit dem Flugzeug nach Berlin. Mit dabei; Jürgen Perplies und Walter Stachorra (vorne), hinten Udo Heinze.

Die Anfänge 1960 waren nicht leicht. Gründungsvorsitzender Udo Heinze und seine Mitstreiter suchten nach einem festen Treffpunkt. Fündig wurde sie in dem ehemaligen Luftschutzbunker unter der Gaststätte Voerste an der Schützenstraße, den sie monatelang in Eigenhilfe ausbauten. Unterstützt wurden sie vom damaligen Oberbürgermeister und späteren Bundestagsabgeordneten Hans Wuwer. Schon vorher wurden Jazz-Band-Balls veranstaltet – bei Voerste, auf Schloss Wittringen, in Bottrop und in Gelsenkirchen Buer - Eintritt bei Voerste 0,49 DM.

Von Anfang an zeigte der Jazzclub auch soziales und politisches Engagement. Früh entstand eine Freundschaft zum Jugendclub Berlin-Charlottenburg im damals geteilten Deutschland. So startete man eine große Sammelaktion in einem Flüchtlingsheim und Bands aus Charlottenburg spielten in Gladbeck. Große Beachtung über die Bundesrepublik hinaus fand die Aktion ‚Licht an die Mauer‘. Der erste Weihnachtsbaum aus Gladbeck wurde mit dem Flugzeug nach Berlin gebracht. Von Beginn an engagierte sich der Jazzclub bei den Städtepartnerschaften und knüpfte Verbindungen nach Schwechat und Enfield. Aber es gab auch heftige politische Diskussionen, ob man den jungen Leuten in dem dunklen Keller die ‚Negermusik‘ erlauben sollte. Das war damals so etwas wie ein ‚Kulturkampf‘. WAZ-Redakteur Detlev Kittler hat das 1985 treffend in einem Artikel zusammengefasst.

Irgendjemand fand schließlich beim Jazzkeller ein Haar in der Suppe und die jungen Jazzer mussten wieder in Eigenhilfe ran. Eine Heizung, eine neue Beleuchtung und eine Entlüftungsanlage wurden installiert sowie der Eingang neugestaltet. Dennoch musste kurz danach der Jazzkeller aufgrund weiterer nicht erfüllbarer Auflagen aufgegeben werden.

Schnell wurde der Jazzclub wegen seines musikalischen Angebots in der ganzen Region bekannt. So wurde z. B. das ‚Goldene Kornett‘ und das ‚Goldene Waschbrett‘ ausgespielt. Wo das ‚Goldene Kornett‘ abgeblieben ist, ist unbekannt. Das ‚Goldene Waschbrett‘ hat damals Gründungsmitglied Walter Stachorra gerettet und Jahrzehnte ‚gehütet‘. Vor einigen Jahren hat er es an Wolfgang Röken weitergegeben. Dieser hat es 2019 zusammen mit dem jetzigen Vorsitzenden Marvin Wetekam dem Bürgermeister übergeben. Es ist also im Archiv der Stadt Gladbeck gesichert.

Es gab noch eine kurze Zwischennutzung in der Gaststätte Täpper in Rentfort. Wie lange der erste Gladbecker Jazzclub existierte, ist nicht genau bekannt. Eine ganze Reihe der Aktiven der ersten Reihe verließ Gladbeck aus unterschiedlichen Gründen – Bundeswehr, beruflich bedingt, Familiengründung, usw. Auf jeden Fall fanden noch bis 1964 Veranstaltungen statt, auch Beat Band Balls, vor allem mit den ‚German Blue Flames‘ aus Gelsenkirchen.

Der neue Jazzclub ab 1985

Im März 1985 trafen sich die Gründer des neuen Jazzclubs erstmals im Rathaus: Stadtdirektor Dr. Emil Vesper, Pit Frey, Dietmar Möller, OB Hans Wuwer, Wolfgang Röken, Wolfgang Holeczek, Jürgen Perplies, Walter Voß und Udo Heinze (v.l.). Foto: Helmut Grosser

25 Jahre nach der Gründung des Jazzclubs trafen sich auf Initiative von Klaus-Peter („Pit“) Frey und Bürgermeister Wolfgang Röken einige Männer der ersten Stunde im Gladbecker Rathaus. Mit dabei waren Hans Wuwer und Stadtdirektor Dr. Emil Vesper. Schnell waren sich die ‚Mitte-Vierziger‘ einig, die Jazzszene wieder neu zu beleben. Man machte sofort Nägel mit Köpfen. Ende Mai traf man sich auf dem Bauernhof von Pit Frey zu einem Konzert mit den ‚Jazz Incredibles‘ aus den USA, wo die Satzung verabschiedet und der Vorstand gewählt wurde. Schnell beschloss man, ein Jazz-Festival zu veranstalten und das Wort Jazzival wurde in einem Brainstorming geboren.

Das Jazzival - 1985 bis 2009

Jazzival 1985: Wolfgang Röken (Mitte), heute Ehrenvorsitzender des Jazzclubs, begrüßt Kultusminister Hans Schwier und das Schopen Jazz Orchestra.

Gleich beim ersten Jazzival passte alles zusammen – die ersten Landeskulturtage mit überörtlicher Resonanz, das Programm, das Wetter und die Stimmung. 1985 über 1000 Besucher, im Jahr darauf schon die doppelte Anzahl bis zu mehr als 3000 in den besten Zeiten. „Man sieht sich beim Jazzival,“ so das geflügelte Wort. Von Beginn an waren die Sparkasse Gladbeck, ELE und die Stauder Brauerei die Sponsoren. Die Gastronomie wurde nach wenigen Jahren von Schloss Wittringen übernommen, dessen Pächter dafür dem Jazzclub für jede verkaufte Eintrittskarte einen Betrag zahlte. Zeitweise kam WAZ Marketing als Sponsor hinzu.

Die Konzeption behielt man bei: Zunächst ein einstündiges Konzert auf dem Willy-Brandt-Platz. Dann entführte die Marching Band die Jazzfans aus der Stadt zum Wasserschloss Wittringen mit den Getränkestationen Jammerkrug und bei Axel Domke am Mühlenbach. Unvergesslich, wie Schopen oder Rob Wouters von der ‚N’Awlins Brass Band‘ in voller Montur vom Sprungturm ins Freibadbecken sprangen, wie Schopen alle Marschteilnehmer dazu brachte, sich auf die Straße zu setzen und zur Musik der Capri-Fischer zu rudern oder wie er über den Schlossteich rudernd zum Auftritt seines Orchesters kam. Es folgte das eigentliche Jazzival, auf zwei, zeitweise auch drei Bühnen und zum Abschluss eine heiße Boogie- und Rock-Show im Gildensaal, oft mit Sascha Klaar & The Rockets.

Geradezu sprichwörtlich war das gute ‚Jazzival-Wetter‘. Aber ein paar Jazzivals waren auch verregnet wie das 20. Daran wäre der Club finanziell fast in die Knie gegangen. Nach ungefähr 20 Jahren begann das Jazzival zu schwächeln. Mehrere Gründe gab es dafür. Die Arbeitswelt hatte sich verändert, denn viele Geschäfte schließen auch samstags erst nach 20 Uhr, ebenso die Festivalszene. Der Schlosshof wurde umgestaltet, sodass die Seebühne nicht mehr im Rondell stehen konnte. Der Versuch, das Jazzival zu retten, indem man auf die Maschinenhalle Zweckel auswich, konnte nicht gelingen. Denn hier konnte man nur eine Bühne anbieten, alles – Technik, Bestuhlung, sonstiges Equipment und das Catering musste transportiert und aufgebaut werden. Neben der hohen Miete und der für solch eine Großveranstaltung begrenzten Kapazität kam der Standortnachteil hin-zu.

Trotz einiger Vorbehalte versuchte man 2010 einen Neuanfang mit ‚JAZZiG‘ (Jazz in Gladbeck) in der Mathias-Jakobs-Stadthalle. Doch die Veranstaltung fand statt an dem heißesten Tag seit Jahrzehnten mit einer Temperatur über 42° C mit niedriger Besucherzahl. Man verständigte sich mit der Sparkasse und ELE, dieses Format nicht mehr durchzuführen, dafür alle zwei Jahre eine ‚Blues Brothers Show‘.

Riesiger Andrang herrschte stets auf Schloss Wittringen bei den Jazzivals.

Jazz im Rathaus 1985 bis 2009

Beim Jazz im Rathaus waren auch die Besucher stets guter Laune.

Als 1985 die ‚Kunstschmiede‘ bei Bürgermeister Röken wegen einer Ausstellungsmöglichkeit vorsprach, entschied dieser: „Wir öffnen das Rathaus am zweiten Adventswochenende. Das hilft auch, Schwellenängste abzubauen.“ Es war der Beginn einer weiteren Erfolgsstory. 25 Jahre ergänzten sich ideal der Adventsmarkt auf dem Willy-Brandt-Platz, die Ausstellung der Kunstschmiede in den unteren Geschossen und im 2.OG im Ratssaal ‚Jazz im Rathaus‘ - Eintritt frei. Mehr als 1000 Besucher kamen ins offene Rathaus ohne Schwellenangst. Der Jazzclub engagierte auch internationale Jazzgrößen wie das Jazz-Band-Ball-Orchestra aus Polen gleich beim ersten Mal oder Max Collie oder Monty Sunshine.

Stets kam der Nikolaus der Kunstschmiede mit Knecht Ruprecht vorbei und verteilte an die Kinder die vom Jazzclub gekauften Stutenkerle. Im Empfangsraum des Bürgermeisters hatte die Kunstschmiede ein Café eingerichtet, in dem sie selbst gebackenen Kuchen verkaufte. In der Teeküche des Ratssaales hatte der Jazzclub eine Sektbar eingerichtet und im Vorraum verkaufte er Kaltgetränke und frisch Gezapftes. Nach der Neugestaltung des Empfangsraums konnte dort nicht mehr das Cafe eingerichtet werden und aufgrund verschärfter Brandschutzbestimmungen konnte die Ausstellung der Kunstschmiede nicht mehr in den engen Fluren des Alten Rathauses stattfinden. Damit war auch der ‚Jazz im Rathaus‘ gestorben.

Die Jazzfruehschoppen

Jazzfrühschoppen im Klimperkasten, hier beim Benefizkonzert für Bitterfeld.

Der Jazzclub führte Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten durch, z. B. im Bürgerhaus Ost, in der ‚Spitze‘ oder im ‚Feuilleton‘ in der Innenstadt. Die Suche nach einem eigenen Jazzlokal ging weiter. Ende 1986 war es dann so weit. Im Souterrain der Haldenstraße 4 hatte man Räumlichkeiten gefunden, Der Vorsitzende Pit Frey gründete mit Cornelia Heinze und Wolfgang Holeczek eine GbR und sie schufen mit großem finanziellem Aufwand einen neuen, modernen Jazzkeller. Hier wurde ein attraktives Programm – Jazz und auch Beat an drei Tagen der Woche angeboten. Das stellte die GbR allerdings auch vor Probleme, zumal die Halde 4 nicht hauptberuflich gemanagt wurde und es nicht leicht war, in einer Stadt von der Größenordnung Gladbecks immer genügend Publikum zu bekommen.

Obwohl der Jazzclub die Halde 4 unterstützt hatte, rechnete sich der Betrieb nicht. So kam es auch zu Spannungen zwischen der GbR und dem Club. Die Halde 4 wurde Ende 1991 aufgegeben, zumal es auch bauordnungsrechtliche Probleme gab. Nach einem nicht abgestimmten Jazzival in Lüdinghausen mit hohen Verlusten erklärte der Vorstand, dass er nicht wieder kandidieren werde. In einer Krisensitzung ging es um die Frage, ob und mit welchem Vorsitz der Jazzclub weitergeführt werden kann. „Das kannst nur du machen“, sagte der damalige Kulturamtsleiter Lothar Sikorski zu Wolfgang Röken. Dieser musste erst überredet werden, denn er war beruflich als Schulleiter und als ehrenamtlicher Bürgermeister gut ausgelastet. Letztendlich ließ er sich überzeugen, es für drei Jahre zu machen. Daraus sind rund 30 Jahre geworden.

Ab 1992 fanden dann die Jazzfrühschoppen im Klimperkasten statt. Im Inhaber der urigen Kneipe, Christian Gapp, hatte man einen eingefleischten Jazzfan. Er beteiligte sich an der Programmgestaltung und an den Kosten für die Bands – eine Win-Win-Situation, denn der Jazzclub brachte ihm auch neue Gäste. Deshalb konnte häufiger als einmal im Monat zum Jazzfrühschoppen einladen. So führte man z.B. 2002 spontan ein Benefizkonzert zugunsten der Flutopfer in Bitterfeld durch. Die ‚Jankers Skiffle Group‘ verzichtete auf die Gage, sodass alle Einnahmen dorthin gingen.

Ende 2003 wechselte der Club ins ‚Brauhaus Alte Post‘. Die Akustik dort ist zwar nicht berauschend und das Ambiente eben ‚brauhausmäßig‘, aber man hatte einen festen, zentralen Veranstaltungsort und mit der Geschäftsführung konnte wieder eine Kostenbeteiligung vereinbart werden. Der Hintergrund der Bühne war nicht gerade attraktiv. Die Sparkasse Gladbeck sprang wieder als Sponsor ein und finanzierte das Transparent, vor dem bis heute die Bands auftreten.

Der neue Pächter des Brauhauses war dann nicht gerade kooperationsbereit. Zusammen mit dem zu früh verstorbenen Leiter des Kulturamts, Lothar Sikorski, und dem Leiter der Stadthalle, Dieter Hoffmann, wurde der Plan umgesetzt, die Frühschoppen im Foyer der Stadthalle durchzuführen und mit der jetzigen Hallenchefin Dagmar Wollschläger-Musiol fortgeführt – ein Glücksfall. Das Team der Stadthalle – Bedienung und Technik – bietet einen hervorragenden Service. Die Besucher wie auch die Bands fühlen sich gut umsorgt und kommen gerne nach Gladbeck.

Seit 2007 sind hier in Kooperation mit der Stadthalle rund 130 Jazzfrühschoppen veranstaltet worden. Dabei wird darauf geachtet, dass die ganze Breite des Traditional Jazz angeboten wird. Bei der Auswahl der Bands achtet der Club darauf, dass alle Stilrichtungen des Jazz berücksichtigt werden. Von Ausnahmen abgesehen kann deshalb dieselbe Band erst nach mehreren Jahren wieder engagiert werden. Ein- bis zweimal im Jahr gönnt man sich besondere Frühschoppen. Das ‚Big Daddy Wilson Trio‘ und die ‚Cajun Roosters‘, Europas Band Nr. 1 dieses Genres mit fünf Musikern aus fünf Ländern seien hier nur beispielhaft erwähnt.

Eine Kultveranstaltung ist der ‚Rocking Boogie Around The Christmas Tree‘. Seit 2007 gibt es im Foyer der Stadthalle am letzten Sonntag vor Weihnachten für alle, die ‚Stille Nacht‘ oder ‚Leise rieselt der Schnee‘ in den Geschäften und auf den Märkten nicht mehr hören können, einen heißen und fetzigen Jazzfrühschoppen mit Boogieman Vito und der ‚Magic Boogie Show‘. Fast immer gibt es ein volles Haus und getanzt wird vor allem, wenn es heißen Boogie gibt, vom Publikum und auch den Boogie Friends NRW, die dann aus dem ganzen Land nach Gladbeck kommen.

Gospelkonzerte der Spitzenklasse

Sisters and Brothers in Concert beim Abschluss-Applaus in der Christuskirche.

Ende 1996 schlug Wolfgang Röken Direktor Dieter Blanck von der Volksbank eine Zusammenarbeit der Bank mit dem Club vor. Dabei sollte es sich um ein anderes Genre handeln als den Traditional Jazz, um nicht in Konkurrenz mit der Sparkasse als Sponsor zu geraten. In der Adventszeit sollte jedes Jahr ein Gospelkonzert in einer Gladbecker Kirche stattfinden, stets ein Unikat, das sich von den üblichen Gospelkonzerten unterscheidet. Es sollten jeweils herausragende Solistinnen engagiert werden, die in dieser Zusammensetzung nur in Gladbeck auftreten. Die künstlerische Leitung hat wie bei den Jazzivals Uli Hanke. In Stadtmitte kam nur die Christuskirche in Betracht, denn in der größeren Lambertikirche fanden damals sonntags die Abendgottesdienste statt. Der Jazzclub wurde von der evangelischen Kirchengemeinde Mitte offen aufgenommen, die Künstlerinnen und Künstler rührend umsorgt.

So war der 2. Advent 1997 der Beginn einer weiteren Erfolgsstory. Das erste Konzert ‚Sisters in Concert‘ fand eine riesige Resonanz. Schon im dritten Jahr wurde klar, dass ein Konzert zu wenig war. Zu viele, die eine Karte kaufen wollten, musste man abweisen. Ab 2000 gab es also zwei Konzerte, zu ‚Sisters and Brothers in Concert‘ weiterentwickelt, denn damit wurde die Bandbreite der Stimmlagen erheblich erweitert – ein erheblich größerer Spannungsbogen geschaffen. Das Konzept geht auf: Zunächst singen die Solisten Gospelsongs, die sie gerne mögen, und präsentieren den Gospel ihrer Heimat. Denn sie kommen aus unterschiedlichen Ländern. Highlights sind immer die Duette. Nach der Pause werden Gospelsongs gesungen, die jeder kennt und die das deutsche Publikum liebt. Und das geht von Anfang an mit, singt und klatscht.

Nach dem Umbau der Christuskirche können solche Konzerte dort nicht mehr durchgeführt werden. Da passte es gut, dass 1999 in St. Lamberti sonntags keine Abendmessen mehr gehalten werden. Kantor Suttmeyer war aufgeschlossen für die Idee, trotz der schwierigen Akustik (Nachhall von 7 sec. in der leeren Kirche). Weil die Lambertikirche das doppelte Fassungsvermögen wie die Christuskirche hat, wurde ein Konzert durchgeführt. Nach Problemen zu Beginn war die Akustik nach der Pause besser. Wie gut der Raumklang der Kirche und die Klasse der Sänger ist, zeigte sich bei der Überraschung: Tiffany Stella Kemp stimmte mit ihrer facettenreichen Soulstimme das Ave Maria an, begleitet vom Kantor Konrad Suttmeyer an der Orgel. Das ging unter die Haut. Zukünftig will man die Akustik noch verbessern.

Blues Nights in der Maschinenhalle

Volles Haus auch bei der Bluesnight in der Maschinenhalle Zweckel.

2004, 2008 und 2009 veranstaltete der Jazzclub Bluesnights in der Maschinenhalle Zweckel, gesponsert wieder von der Sparkasse Gladbeck und der ELE. Auf kleiner Bühne wurde Blues präsentiert von Big Daddy Wilson, Singer und Songwriter aus North Carolina. Pauline Pearce, die ‚Big Black Lady‘ mit großer Altstimme, wurde aus London eingeflogen. Die Bluesqueen im Stil von Bessie Smith traf dabei die US-Bluesikone Keith Dunn, begleitet von einer All-Star-Band um Gregor Hilden und Uli Hanke (Piano). Hinzu kam die Blues Brothers Tribute Band ‚Heart and Soul‘ aus dem Bonner Raum oder ‚Straight Bourbon‘ mit rasanten Bühnenshows - Party bis Mitternacht.

Blues Brothers Tribute Shows

Heart and Soul feiern bei der Blues Brothers Show.

Nach dem perfekten Auftritt bei der ‚Blues Night‘ beschloss man, alle zwei Jahre eine ‚Blues Brothers Show‘ zu veranstalten. ‚Heart and Soul‘, die heißeste Band östlich von Chicago, wurde dreimal engagiert. Eine ganze Reihe von Besuchern kam stilecht im Blues-Brother-Outfit. Das beste Outfit wurde prämiert, und kräftig getanzt wurde natürlich auch zu den Hits wie ‚Everybody needs somebody‘, ‚Soul Man‘, ‚Jailhouse Rock‘ oder ‚Las Vegas‘.

Jazz im Pott 1998

Ein wagemutiges Unterfangen war damals diese Veranstaltung. Die Maschinenhalle war noch eine Ruine und ihre Zukunft unsicher. Jazzclubvorsitzender Wolfgang Röken setzte sich auch als Vorsitzender des Ausschusses für Städtebau und Wohnen wie die Stadt Gladbeck dafür ein, dass die Halle unter Denkmalschutz gestellt und erhalten bleibt. Am Tag des Industriedenkmals fand diese denkwürdige Veranstaltung statt. Die Halle hatte keine Fenster, keine Heizung. Es zog durch alle Ritzen und Ecken und als es gegen Mitternacht um die 7°C war, wurden den Gitarristen die Finger klamm. Aber alle hatten Spaß und das Ziel wurde erreicht, ein Votum pro Erhalt der Halle. Einige Entdeckungen der damals jungen Bands, vor allem Jazzlight, traten später bei Jazzfrühschoppen auf. 2000 und 2001 gab es drei Frühschoppen in der Dorstener Kneipe ‚La Vie‘, denn in Dorsten wohnen viele Jazzclubmitglieder. Danach wurde der ‚Testballon‘ beendet. Es wurden kaum neue Mitglieder hinzugewonnen und ein Pächterwechsel stand an.

Jazz in the College

Am 28. September 2011 veranstaltete der Jazzclub ‚Jazz in College‘ in der Ingeborg-Drewitz-Gesamtschule, um den Jazz auch in der jungen Szene zu etablieren. Die Initialzündung zu diesem Projekt ging von Ruhr2010 aus. Manfred Mons, Vorsitzender des befreundeten Jazzclub Mülheim, konnte die älteste und eine der besten Jazzbands, die ‚Dutch Swing College Band‘, engagieren. Die Schulen waren begeistert von dem Projekt und erklärten, sich daran zu beteiligen. Die Schülerinnen und Schüler wurden in die Planung und Vorbereitung einbezogen. Im Vorfeld hat eine Band des Mülheimer Jazzclubs bzw. eine Jazzformation von Martin Greif in den Schulen gespielt. Es gab einen Plakatwettbewerb. Die Jury unter dem Vorsitz von Karoline Dumpe wählte das Siegerplakat aus. Ab 10 Uhr spielten Bands und Musikformationen der beteiligten Schulen. Nach einem pädagogischen Konzert der ‚Dutch Swing College Band‘ und der Preisverleihung folgte das eigentliche Konzert der DSCB. Danach konnten die Schüler und Schülerinnen noch mit den Bandmitgliedern sprechen.

Am 22. März 2001 gab es in der Mathias-Jakobs-Stadthalle ein Sonderkonzert des ‚Glen-Miller Orchestra‘ und am 29. September 2009 eine Barrelhouse Jazz Gala, 1996 in Zusammenarbeit mit dem Kultursekretariat Gütersloh ‚Jazz behind the dikes‘ mit namhaften holländischen Bands und 2000 ‚Here weg go – Here we swing‘, Kunst und Jazz in der Maschinenhalle.

Der Generationswechsel

2017 wurde der lange beabsichtigte Generationswechsel eingeleitet. Marvin Wetekam wurde zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt und Walburga Angermann zur stellvertretenden Geschäftsführerin. Auf ihre Initiative wurde ein neues, kleineres Veranstaltungsformat ins Leben gerufen, die ‚Jazz Corner im Café Stilbruch‘. Vor allem jüngeren, lokalen Bands bietet der Jazzclub seitdem eine Bühne und die Möglichkeit vor Publikum zu musizieren. Dabei ist der Eintritt frei, ein Spendenhut geht rum.

Vollzogen wurde die Staffelübergabe 2019. Marvin Wetekam, wurde einstimmig zum neuen Vorsitzenden gewählt, Frauke El Meshai zu seiner Stellvertreterin. Walburga Angermann übernahm das Amt der Geschäftsführerin von Jürgen Perplies, der zu den Gründungsmitgliedern von 1960 gehörte und bis zu seinem Tod 2018 diese Funktion ausgeübt hat. Horst Zeller ist ihr Stellvertreter, Hans Dieter Angermann bis Ende 2020 der Schriftführer. Dr. Elke Reinhardt-Becker und Martin Greif arbeiten als Beisitzende in dem verjüngten und kompetenten Vorstand mit. Unter Standing Ovations wurde Wolfgang Röken zum Ehrenmitglied gewählt.

Marvin Wetekam erklärte, der überwältigende Vertrauensbeweis sei für ihn ein großer Ansporn, diesem gerecht zu werden. Kontinuität der gewohnt guten Qualität und ein ‚Neuanstrich‘ der Vereinsstruktur zugleich sollen Leitgedanken seiner Arbeit sein. Schon als stellvertretender Vorsitzender gestaltete Marvin Wetekam ein neues Vereinslogo und realisierte zusammen mit der Gladbecker Werbeagentur WEBAN eine zeitgemäße Homepage, welche durch ein ‚Responsive Webdesign‘ auch auf Smartphones und Tablets gut lesbar ist. Das Kernprogramm des Jazzclubs wird weiter fortgeführt, aber es werde neue Impulse geben, um auch für ein jüngeres Publikum attraktiv zu sein. Sowohl die Außendarstellung des Jazzclubs als auch das Programm wurden durch den neuen Vorstand deutlich aufgefrischt und bilden das Fundament für eine zukunftssichere Vereinsarbeit.

Auch für 2021 hat der aktuelle Vorstand bereits ein ambitioniertes, wenn auch verkleinertes Programm erarbeitet, damit ‚Jazz in Swinging Gladbeck‘ auch in Corona-Zeiten seinem guten Ruf weiter gerecht wird. Leider mussten wegen der Pandemie im letzten Jahr 13 von 19 geplanten Veranstaltungen ausfallen. Die drei im Frühjahr 2020 durchgeführten Wohnzimmerkonzerte auf dem YouTube-Kanal des Jazzclubs waren ein völlig neues und erfrischendes Format für den Verein, konnten jedoch kein gleichwertiger Ersatz für die beliebten Live-Konzerte sein. Der Jazzclub hofft wie alle, im Laufe des Jahres wieder voller Tatendrang durchstarten zu können.

                  Text & Fotos: Jazzclub Gladbeck

Eindrucksvolle Bilanz

25 Jazzivals

mit Jazzgrößen wie Chris Barber, Kenny Ball, Mr. Acker Bilk, Joy Fleming, Greetje Kauffeld, Paul Kuhn, Klaus Lage, Bill Ramsay, Inga Rumpf, Monty Sunshine u.v.a.

25 Jazz im Rathaus

23 Sisters and Brothers in Concert

3 Blues Nights

3 Blues Brother Tribute Shows

Ungezählte Jazz Band Balls

Über 300 Jazzfrühschoppen

Alle Veranstaltungen wurden ohne öffentlich Mittel durchgeführt.

Der Jazzclub hat rund 200 Mitglieder aus Gladbeck, Dorsten, Kirchhellen und nahezu allen Ruhrgebietsstädten.

Der Jahresbeitrag beträgt 40 . Dafür haben die Mitglieder freien Eintritt zu den Frühschoppen.

www.jazzclub-gladbeck.de

 

 

 

 

Mr. Ferienwerk hat nach fast 700 Reisen seine Rente verdient

Bild mit Symbolkraft: Jochen Schwiertz ruht sich bei einer seiner letzten Reisen auf der Kurischen Nehrung aus.

45 Jahre begleitete Jochen Schwiertz tausende Gladbecker rund um den Globus. Der Reiseleiter des Katholischen Ferienwerks (KFW) war u.a. Pionier für Trips nach Russland und China.

Die Bezeichnung ‚Weltenbummler‘ charakterisiert ihn nicht ganz zutreffend, da er vornehmlich in Europa und Asien unterwegs war. Weit gereist ist Joachim E. Schwiertz aber allemal: Fast 700 Mal packte er in vielen, vielen Jahren dienstlich seinen Koffer, besuchte 56 Länder, war Millionen Kilometer auf Achse – und mit ihm unterwegs war gefühlt halb Gladbeck. Viele verdanken ihm seltene und exklusive Einblicke in einst noch unentdeckte Länder.

Mitte des Jahres ging Jochen Schwiertz in den Ruhestand, der als ‚Mr. Ferienwerk‘ 45 Jahre lang Gäste in Dutzende Länder führte und mit seiner Art der Reiseleitung das Katholische Ferienwerk prägte. Mit ein wenig Wehmut, aber mit ganz vielen unauslöschlichen Erinnerungen blickt der ausgewiesene Reisefachmann auf eine lange Wegstrecke zurück.

Die Karriere beim KFW war dem Butendorfer, Jahrgang 1954, zwar nicht in die Wiege gelegt, doch irgendwie blieb er seit frühester Jugend beim Ferienwerk hängen – in jenen Jahren firmierte es noch als das Ferienwerk des katholischen Jugendamtes. „Schon bei der allerersten Reise des Ferienwerks 1969 nach Kaltenbrunn in Südtirol, ins Jugendhaus der Familie Capovilla, das so viele junge Gladbecker in den 70ern kennen lernten, war ich als teilnehmender Junge dabei“, erzählt Schwiertz. 1971 nahm er erstmals an der deutsch-französischen Jugendbegegnung mit Douarnenez teil und schließlich begleitete er 1975, im Alter von 20 Jahren, seine erste Gruppe als Reiseleiter nach Paris – ehrenamtlich zunächst.

Während des Studiums (Französisch, katholische Religion und Geographie fürs Lehramt) blieb er fürs Erste dem Ferienwerk treu, half mit, das Fahrtennetz auszubauen (u.a. kam Paris als Dauerbrenner dazu, 23 dieser Städtetrips sollte er letztlich begleiten) und verdiente sich auf Honorarbasis ein paar Mark nebenher. Und schon 1978 fuhr er das erste Mal nach Moskau. „Das war damals, zu tiefsten Sowjetzeiten, eine ganz andere Hutschnur als heute“, erinnert er sich. Schnell kamen Leningrad (heute wieder St. Petersburg) und Tallinn dazu. „Exotische Ziele haben mich immer gereizt.“ 55 Mal sollte er am Ende in allen Teilrepubliken des riesigen Landes unterwegs sein, vier Mal war er auch in Sibirien auf Tour, besuchte den Kaukasus und Mittelasien mit der Millionenstadt Alma-Ata in Kasachstan.

Die Collage zeigt die Vielfalt der Reise-Ziele des KFW.

Aber der Reihe nach: Als Jochen Schwiertz 1986 nach seinem zweiten Staatsexamen mitten in der damaligen Lehrerschwemme landete und keine Stelle fand, machte er aus der Not eine Tugend: Er sagte Ja zum Angebot des KFW-Vorstands, der von KFW-Gründungsvater Siegfried Frosch geleitet wurde. Als fest angestellter Reiseleiter begleitete er die Offerten des Ferienwerks – professionell von Anfang (Reisezielauswahl, Kalkulation und Prospektdarbietung) bis Ende (Reiseleitung vor Ort). Gleichzeitig wurde er zweiter Vorsitzender des KFW (bis 2017). Das Ferienwerk hatte sich 1982 als eingetragener Verein verselbständigt, „und es herrschte damals sowas wie Goldgräberstimmung, was das Reisen anbelangt.“

Die Angebote des KFW wuchsen unter Schwiertz’ Regie, die Ziele nahmen an Zahl und Entfernung zu. Wie groß und eng die Beziehung der Gladbecker zum Ferienwerk wurde, zeigte sich 1994 bei der Feier zum 25-jährigen Bestehen, als die Stadthalle beim Jubiläumsfest prall gefüllt war und Abordnungen sowie Blasmusiker aus Aldein in Südtirol das Jubiläum bereicherten. Für den gewieften Reisemanager waren die Festvorbereitungen eine kleine Herausforderung.

Eine ganz andere, seine vielleicht größte organisatorische Herausforderung, so erinnert sich Jochen Schwiertz, ergab sich viel später, nämlich 2018 mit der Reise des Propsteichores St. Lamberti nach Rom, an der 170 Personen teilnahmen. Gladbeck Unsere Stadt hat darüber ausführlich berichtet. Aber auch die Pfarrwallfahrt 2013 nach Fulda mit 262 Teilnehmern war schon allein wegen der großen Zahl an Mitreisenden ähnlich aufwändig.

Die Bretagne war für Jochen Schwiertz so etwas wie ein Exil.

 

 

Reisen nach China waren Abenteuer

Seit 1987 reist Jochen Schwiertz nach China. Hier blickt er mit seiner Frau Brigitte und einer Dolmetscherin vom Himmelstor in Peking

1987 war der Gladbecker Reiseleiter erstmals in China – ein Pionier zu jener Zeit. „Mit der Transsibirischen Eisenbahn waren wir damals unterwegs, besuchten auch die Seidenstraße“, erinnert er sich. Insgesamt sollte es für ihn 40 Mal ins Reich der Mitte gehen – „alle Ecken haben wir bereist“, u.a. den Yangtze, einer der längsten Flüsse der Welt, Zentralchina, die einstige britische Kronkolonie Hongkong oder das Las Vegas Asiens: Macau.

Auch diese Reisen glichen anfangs teils atemberaubenden Abenteuern. Schwiertz, der im Oktober 66 Jahre alt wurde, hat den gesamten Wandel vom bettelarmen kommunistischen Reich zum modernen China mit funkelnden Millionenmetropolen miterlebt. Abenteuerlich sei in den 80ern im Vergleich zum heutigen Handy-Alltag schon allein die Kommunikation von China aus mit der Basis daheim in Deutschland gewesen: In einem Notfall habe man nur mit Hilfe eines Reiseteilnehmers – und über Umwege und dessen Firmen-Dependance in Peking – telegraphisch dringende Fragen klären können. „Das war schon außerordentlich spannend, hat aber immer auch Spaß gemacht.“

Viele asiatische Länder standen auf seinem Reisezettel, in den vergangenen Jahren gab es mit Vietnam sogar noch eine Premiere. Am beeindruckendsten war für den Weltenbummler wahrscheinlich aber die Besuche in Tibet, das er fünfmal bereist hat. „Das ist und bleibt für uns eine völlig fremde Welt und Kultur.“ Und anders ist Tibet auch deshalb, weil weite Teile des Landes 5000 Meter hoch liegen. Angetan hat es Schwiertz aber vor allem ein anderes, viel näher liegendes Reiseziel: Die Kanalinsel Jersey: „Das ist ein buntes, blühendes Eiland mit total aufgeschlossenen Menschen. Von dieser Insel bin ich wie von einem Virus infiziert.“ Seit 1993 war der Reiseleiter 59 Mal dort – Jersey ist das Ziel, das er am häufigsten angesteuert hat.

In den 90er Jahren war auch die Schweiz in, „oft waren wir in Zermatt zum Wandern oder mit dem Glacier-Express auf Tour“, erinnert sich Schwiertz. „Vom Matterhorn bin ich bis heute ergriffen.“ Insgesamt 14 Mal kletterte er mit vielen Gladbeckern zwischen kleinem und großem Matterhorn durchs Hochgebirge, genoss mit ihnen vom Gornergrat den grandiosen Blick auf die Kulisse der majestätischen alpinen 4000er-Gipfel.

Ausgiebig ‚erforscht‘ hat der reiselustige Gladbecker schon seit 1991 auch das Baltikum, anfangs per Flugzeug. Inzwischen hat sich das Reiseangebot als Autobusfahrt ‚rund um die Ostsee‘ etabliert. Besucht werden dabei nicht nur die baltischen Staaten, sondern auch Masuren, Russland, Finnland und Schweden – „ein richtiger Renner in unserem Angebot“. Auch hier waren die Anfänge, noch zu strengen spät-kommunistischen Zeiten, anstrengend. Erinnern kann sich Jochen Schwiertz an einen Fall, als er mit 42 Leuten unterwegs war und die Gruppe über die Grenze nach St. Petersburg wollte. Einer mitreisenden Frau wurde von den Grenzern die Einreise untersagt, da ihr Visum einen Tag zu kurz ausgestellt war. „Wir mussten die Frau an der Grenze trotz aller Bemühungen zurücklassen“, erinnert sich der Reiseleiter. Aber er weiß, dass sie auf anderen, nicht geplanten Wegen zurück in die Heimat kam. „Das ging schon an die Nieren.“

Etwa 90 Tage im Jahr unterwegs

Reiseleiter Schwiertz (r.) mit einer Gruppe aus Gladbeck bei einer Rundreise durchs Baltikum 2019.

Die Angebote des KFW änderten sich im Laufe der Zeit, weiß Schwiertz nur zu genau. Südtirol, wo mit Kaltenbrunn und Aldein einst alles begann und wo man zuletzt noch über Silvester nach Aldein, später auf den Ritten zum Wandern fuhr, war irgendwann kaum noch gefragt. Die Kinder- und Jugendreisen waren schon in den 80ern komplett eingestellt worden. Andere Nischen, abseits von Fernreisen-Highlights, liefen und laufen aber immer noch – wie vor allem in Frankreich die Bretagne, die Provence oder das Elsaß. Oder Malta, diese wunderschöne Mittelmeer-Insel, auf die der ‚frisch gebackene‘ Pensionär mit vielen Gladbeckern 44 Mal geflogen ist. Und immer wieder auch nach Rom, in die ewige Stadt, Standard und ein Highlight beim KFW. Zweimal „verirrte“ sich Schwiertz sogar nach Nordamerika, als er je eine Reise nach Kanada und in die USA organisierte.

Etwa 90 Tage im Jahr war der Reiseleiter im Schnitt unterwegs, auch eine Herausforderung für seine Familie. Ehefrau Brigitte und die Söhne Benedikt und Johannes kennen ihn allerdings nur als Weltenbummler. Dennoch fand Schwiertz, der die Lambertischule besuchte, am Ratsgymnasium sein Abi machte und in Bochum studierte, immer noch Zeit für private Reisen. Viele Jahre blieb Südtirol das Ziel der Familie.

Beruflich trieb ihn stets eine ungebrochene Neugier an: „Insbesondere exotische Ziele reizten mich“. Einmal von einem ‚Reise-Virus‘ befallen, fand der Trip schnell Eingang in den KFW-Katalog. Bis zu 90 Reisen standen da jährlich drin, Jochen Schwiertz war bei bis zu 15 Mal pro Jahr dabei. „Reisen bildet“, das weiß er nur zu gut: „Das Reisen hat mir persönlich immer viel gebracht.“ Insgesamt war er in all den Jahren 688 Mal ‚auf Achse‘.

Seine letzte Reise liegt inzwischen schon mehr als ein Jahr zurück, im September 2019. Als es im Frühjahr mit der Saison wieder losgehen sollte, wurde der Reiseleiter von der Corona-Pandemie ausgebremst. Stockholm, Jersey, Bretagne, Baltikum – seit März wurden alle KFW-Reisen abgesagt. „So hatte ich eine gewisse Übergangszeit in den Ruhestand, konnte ohne Hektik alles sortieren und vieles bilanzieren“, beteuert der agile Neurentner. Aber sobald die Corona-Lage es zulässt, will er 2021 – und vielleicht auch darüber hinaus - noch ein paar Fahrten als Honorarkraft begleiten.

Mit dem Ausscheiden von Jochen Schwiertz schloss auch das örtliche KFW-Büro in Gladbeck. Bereits am 1. Januar 2018 – als das KFW 50 Jahre alt wurde, fusionierte es mit dem Katholischen Ferienwerk Oberhausen (KFO). Das bietet weiterhin die gewohnten Reisen im bekannten Ambiente – wozu bei einigen auch unser ‚Weltenbummler‘ als aktiver (Un)Ruheständler zählen wird.

Georg Meinert

Fotos (s.a. unten): Joachim E. Schwiertz