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Der Jovyplatz:

Geschichtsforschung des Riesener-Gymnasiums im Film

Eine Oase der Ruhe, so präsentiert sich der Jovyplatz, eingerahmt von den sogenannten Behördenhäusern, dazu zählen das Amtsgericht, das (frühere) Finanzamt und das Polizeigebäude, mit dazu gehören auch die Gaststätte „Jammerkrug“ und einige Stadthäuser mit schönen Ornamenten. Aber wer prägte den Namen dieser innerstädtischen Grünzone mit dem kleinen Teich? Das fragte sich die Geschichts-AG des Riesener-Gymnasiums unter der Leitung ihres Lehrers Dr. Jörg Judersleben. Gemeinsam erforschten sie die Historie des Jovyplatzes, denn das Riesener-Gymnasiums (damals noch „Mädchengymnasium Gladbeck“) kam im März 1956 als Jovyplatz-Nachbargebäude dazu.

Der Platz ist benannt nach Dr. Michael Jovy, der nach der Verleihung der Stadtrechte 1919 zuerst als „Erster Bürgermeister“ wirkte und ein Jahr später den Titel „Oberbürgermeister“ führen konnte, der erste OB in der Stadtgeschichte. Als Stadtoberhaupt hatte er keine leichte Amtszeit: Die Einwohnerzahl stieg rasant auf 57.000 an, er musste mit ansehen, dass im sogenannten Ruhraufstand 1919 das Rathaus zwei Wochen besetzt wurde und Freikorpsverbände auch in Gladbeck Tod und Schrecken verbreiteten. 1923 folgte die Ruhrbesetzung, belgische Truppen verhafteten ihn am 23. Februar 1923, Jovy durfte zehn Monate lang Gladbeck nicht betreten. Das alles forderte ihn auch gesundheitlich, 1931 starb der Oberbürgermeister kurz vor dem Jahreswechsel im Alter von nur 49 Jahren. Der Film dokumentiert auch seine Beerdigung, fast alle Vereine, Verbände und Gladbecker Institutionen folgten seinem Sarg.

Der nach ihm benannte Jovyplatz ging während der Weimarer Republik in die Planung. Die Fertigstellung erfolgte Ende der Zwanziger Jahre, eine Blütezeit nach dem schrecklichen Ersten Weltkrieg, in der auch beispielsweise das Wasserschloss Wittringen neu erstand. Am 21. April 1932 fasste der Stadtrat den Beschluss, den Bereich „Jovyplatz“ zu nennen.

Mittlerweile nicht mehr stehen in der Nachbarschaft der Ende der Siebziger Jahre abgerissene „Knast“ (das Stadtgefängnis) neben der früheren, städtischen Badeanstalt (eröffnet 1913) und dem Amtsgericht, das seine Verhandlungen 1917 begann. Also durchaus wert, hier zu forschen, „was, wann, wo und wie in die städtische Planung ging“.

Daraus entstand der sehenswerte Dokumentarfilm „Jovyplatz, Anblicke, Einblicke, Ausblicke“ nach einer Idee von Marc Jung vom Gladbecker Kreativ-Team (mit Sitz gleich gegenüber vom Jovy-Platz), unterstützt von einem professionellen Team, das die Herstellung vorbereitete. Jeanette Kuhn und Ferdinand Fries, beides freie Journalisten, gaben Hilfestellungen bei den Interviews mit  den Zeitzeugen, den Ton- und Filmaufnahmen mit der Kamera und den Manuskriptzusammenstellungen.

Die Schüler wirkten auch mit, den Platz und das Umfeld aus der Vogelperspektive zu zeigen – sehr eindrucksvoll! Weitere Unterstützung erhielten sie vom Verein für Orts- und Heimatkunde. 15 Riesener-Schüler und -Schülerinnen erarbeiteten den Dokumentationsfilm, dazu zählten Gina Fiedrich, Melina Golik, Greta Große-Kreul, Milena Heise, Lina Neustern, Violetta Oster, Yasmin Serji, Veit Alexander,Finn Schultz, Berat Cavus, Matthew Eberli, Jan-Frederik Julius, Kenny Keiluweit, Noah Kögel und Nils Mattheus.

Das Polizeigebäude und Finanzamt in den Dreißigerjahren mit Fassadenbegrünung.

Ach ja, die Zeitzeugen, diese kommen in dem Werk mehrfach zu Wort, darunter der Heimatvereins-Ehrenvorsitzende und Gladbeck-Forscher Heinz Enxing, der mit einigen Sprüchen aus dem Hotel-Restaurant „Jammerkrug“ den Film auflockerte, bespielsweise den: „Kommst Du vom hohen Amtsgericht, dann bist Du dümmer sicher nicht, `drum lerne beizeiten, mein Rat ist klug, die Weisheit lernen vom Jammerkrug.“ Wichtig zu erwähnen: Der „Jammerkrug“ mit seinem Chef Jovan Gajic ist in Deutschland die einzige Gaststätte, die diesen Namen trägt, da kann auch „Google“ keine Alternative anbieten.

Als Zeitzeuge antwortete auch der VfL-Vorsitzende Siegbert Busch. Er begann seinen beruflichen Werdegang 1962 als Polizeianwärter hier am Jovyplatz und kam Jahrzehnte später zurück als „Gladbecker Polizeichef“. Das Kamerateam ging auch runter ins Tiefgeschoss, dort sind die schwer gesicherten Arrest- und Ausnüchterungszellen zu sehen.

Grüne „Oase“ in der Innenstadt, nur dem Teich fehlt das Wasser.

Steffen Tschiersky kam auch zu Wort, er arbeitete ab 1971 im Finanzamt und berichtete vom schnellen Ende im Jahre 2007: „Wir erhielten noch eine neue Telefonanlage, dann mussten wir aus den Zeitungen erfahren, dass wir nach Marl gehen!“ Aber ihm gefällt, was das „Kreativ-Amt“ aus dem Gebäude machte: „Das kann sich sehen lassen!“ Marc Jung zeigte auf alten Fotos die Kriegsschäden: „Eine Bombe flog genau ins Finanzamt, aber explodierte nicht, sonst wäre es hier anders ausgegangen!“

Und wo sind die beliebten Flamingos geblieben? Die rosafarbenen „Langbeiner“ kamen dauerhaft ins Vogelquartier nach Wittringen, denn ab Ende der Siebziger Jahre hatten sie am Jovy-Teich nicht mehr die Ruhe, die sie brauchten.

Volles Haus bei der Filmpremiere im Anbau des Riesener-Gymnasiums.
Die Gladbecker Dezernentin Linda Wagner erhielt symbolisch eine Filmrolle aus der Hand von Marc Jung, für die Mitarbeit ausgezeichnet wurden auch Rüdiger Kümmel vom Polizeibezirks-Schwerpunktdienst (hinten links), vom Vorstand des Heimatvereins Wolfgang Keuterling (obere Reihe, Zweiter von links) und Dietrich Pollmann (rechts im Bild), dazu der ehemalige Finanzamtsmitarbeiter Steffen Tschiersky (Zweiter von rechts). Die Moderation übernahm Jeanette Kuhn (untere Reihe/Bildmitte).

Die Premierenfeier lief am 26. August im Riesener-Gymnasium. Wer nicht dabei sein konnte, hat die Möglichkeit, die Jovyplatz-Doku im Internet zu sehen, zu finden unter „Gladbeck.de“. Eine symbolische Jovyplatz-Filmrolle erhielt die Stadtverwaltung für die Betrachtung von späteren Generationen!

Text und Fotos: Peter Braczko