Kleine Zeittafel

Siehe auch: www.Gladbeck.de/ Stadtportrait/Stadtgeschichte

1800 bis 900 v. Chr.  

Urnenfelderleute in Ellinghorst, (Urnen im Museum) 

900 bis 10 v. Chr.  

Kelten, Sigambrer 

zur Zeit Christi 

Brukterer 

um 700 

Sachsen dringen in das Vest ein 

799 

Gründung des Klosters Werden 

um 860 

Oberhof Ringeldorf (Hof des Stiftes Essen) 

9. Jahrhundert 

Lamberti-Kirche und Kirchspiel Gladbeck 

um 900 

„glatbeki“ wird in einem Urbar (Register) des Klosters Werden erwähnt 
Dindo schenkte dem Kloster Werden Besitztümer in „glatbeki“ 

1019 

Bischof Heribert schenkt dem Kloster Deutz die Kirche mit dem Zehnten in Gladbeck 

1161 

erste urkundliche gesicherte Erwähnung Gladbecks 

um 1180 

das Vest ist kurkölnisch 

1263 

Ludolph de Witteringe wird urkundlich erwähnt 

um 1300 

Vikarie Beatae Maria Virginis gegründet  

1401 und 1406 

Quastenburg (gelegen westliche der Lambertikirche) wird an das Haus Westerholt verkauft 

1403 

Schutzbrief für den Lambertusmarkt in Gladbeck; Ursprung des Appel-tatenfestes 

1569 

kirchliche Visitation; Gladbeck hat 1200 bis 1300 Einwohner 

1583 - 1589 

Obrist Schenk von Nideggen bringt mit seinen Truppen große Not 

um 1630 

erste Volksschule 

1642 

30jähr. Krieg; die Hessen zerstören Wittringen 

1652 

Schützenverein gegründet 

1734 

Johann Heinrich Riesener geboren; er wurde berühmter Möbelkünstler am französischen Königshof Louis XVI 

um 1800 

rd. 2400 Einwohner 

1802 

Bau der alten Lambertikirche (mit dem Zwiebelturm)
Zum Kirchspiel Gladbeck gehörten das Dorf mit der Kirche und die Bauerschaften Zweckel, Rentfort, Ellinghorst, Butendorf und Brauck  

1802 - 1811 

Herzog von Arenberg ist nach der Säkularisation Landesherr 

1811 - 1815 

Unter Napoleon gehörte Gladbeck zum Herzogtum Berg. 
Das Dorf Gladbeck, Butendorf und Brauck gehören zur Mairie Buer;
Zweckel, Rentfort und Ellinghorst zur Mairie Kirchhellen 

1815 

Das Vest wird preußisch 

1823 

Das Urkataster Gladbecks wurde angelegt 

1865 

Postagentur 

1873 

Spatenstich für die Zeche Graf Moltke I/II (erster Name Rieckchen) 

1877 

Beginn der Kohlenförderung 
erste Straßenbeleuchtung: 6 Petroleumlampen 

1878 

Eisenbahn Oberhausen – Dorsten – Rheine; Bahnhof Gladbeck an der Kirchhellener Straße nahe Abfahrt Gladbeck an der A 31 

1880 

Eisenbahn Wanne – Gladbeck (Ost) – Dorsten – Winterswijk 

1884 

Spar- und Darlehnskasse (Vorläufer der Volksbank) 

1885 

1. April, Gladbeck wird selbständiges Amt (vorher Amt Buer); 
1. Amtshaus mit zwei Räumen an der Hochstraße  

1886 

evangelische Schule 

1887 

Arzt lässt sich dauernd nieder 

1888 

Gladbecker Zeitung (Vorläufer der Ruhr-Nachrichten)
1. Werkssiedlung an der Uhlandstraße für die Zeche Graf Moltke 

1893 

evangelische Kirche; Notkirche an der Bottroper Str. westlich des Rathauses 

1894 

Krankenhaus gegründet 

1896 

Thyssen teuft die Zeche „Vereinigte Gladbeck“, später „Möllerschächte“, ab.  

1897 

2. Amtshaus (Standort: heute Hertie) 

1899 

Neubau der heutigen Lambertikirche im neogotischen Baustil 

1900 

Rektoratsschule (Vorläufer des Ratsgymnasiums) 

1902 

Möllerschächte geht an den preußischen Fiskus 

1904 

Zeche Moltke III/IV förderfertig 

1905 

Eisenbahn Oberhausen – Gladbeck West – Hamm 

1906 

Zeche Mathias Stinnes III/IV Beginn der Kohlenförderung
Gemeindesparkasse eröffnet 

1908 

Zeche Zweckel abgeteuft; erster Name „Potsdam“ 

1910 

Rathaus gebaut (als Amtshaus) 

1913 

Amtsgericht und „Kaiser-Wilhelm-Hallenbad“ an der Schützenstraße 

1919 

21. Juli: Stadtrechte verliehen
Finanzamt errichtet 

1920 

Gladbeck wird Stadtkreis (seit 1816 im Landkreis Recklinghausen) 

1925 - 1929  

wirtschaftlicher Aufschwung; unter Oberbürgermeister Dr. Michael Jovy gelingt eine wegweisende städtebauliche Entwicklung 

1922 

Stadt kauft Haus Wittringen mit Stadtwald an 

1928 

Aufbau Haus Wittringens zum Museum, Bau der Gaststätte Wittringen, Stadion, Freibad, Stadtwald als Volkserholungsstätte  

1936 

Bau der Autobahn (heute A 2)  

1952 

Ansiedlung Phenolchemie und Deutsche Rockwool
Strukturwandel im Ruhrgebiet  

1962 - 1990 

Siemens Fernsprechtechnik mit geplanten 4.800 Arbeitsplätzen 

1963 

Stilllegung der Zechen Zweckel / Scholven 

1971 

Ende des Bergbaus, Graf Moltke III/IV stillgelegt 

1975 

Kommunale Neugliederung: Eingemeindung von Gladbeck und Kirchhellen nach Bottrop, genannt „Glabotki“  

1975 

6. Dezember: Verfassungsgericht in Münster setzt das „Glabotki-Gesetz“ außer Kraft. Wiedererlangung der Selbständigkeit Gladbecks und Zugehörigkeit zum Kreis Recklinghausen im Mai 1976. 

1989 

Wiederaufleben des Appeltatenfestes (früher Lambertimarkt) 

1995 

Innovationszentrum Wiesenbusch 

1997 

Auszeichnung als kinder- und familienfreundliche Stadt 

2005/06 

Abriss der PCB-verseuchten Rathaus-Bürotürme; Bau des Neuen Rathauses 

Einwohnerzahlen Gladbeck

Braubauerschaft – Brauck

Brauck Kataster

 

Bäuerliche Vergangenheit in Gladbeck

von Christine Schönebeck

Brauck - dieser Stadtteil Gladbecks entstand auf dem Boden der Bauerschaft Braubauer. Ende des 19. Jahrhunderts erscheint in den Quellen die Bezeichnung Brauckbauerschaft. Brauck ist zu diesem Zeitpunkt noch ländlich geprägt. Bis 1880 können hier – ausgehend von der ersten Steuerliste von 1574 insgesamt 56 alteingesessene Familien gezählt werden. Straßennamen wie Hartmannshof, Busfortshof, Buterweg, Dahlmannsweg, Aldiekstraße, Behmerstraße, Breukerstraße, Halfmannstraße, Heringstraße, Roßheidestraße, Schulte-Berge-Straße und Vehrenbergstraße, erinnern an Höfe der Bauerschaft Brauck.

Der Rückblick auf die bäuerliche Vergangenheit klingt bereits bei den Zeitzeugen des rasanten Wandels hin zum Industriezeitalter am Anfang des 20. Jahrhunderts seltsam verklärt, wenn Schäfer 1913 in den „Gladbecker Blättern für Orts- und Heimatkunde“ unter dem Titel „Sitten und Gebräuche im Vest Recklinghausen“ schreibt: „[...] wo ehedem weite Waldungen den Wanderer [...] zur Ruhe und Rast am plätschernden Quell einluden, da recken heute dunkle Gerüste und rauchende Schlote sich gen Himmel empor; wo einstens emsige Bauern mit Pflugschar und Egge die Heimatscholle bearbeiteten, da sieht man jetzt der Kohlenzüge endlose Reihen die unterirdischen Schätze fortschaffen; wo früher der Hirte mit den langgezogenen Tönen seines Hornes des Morgens die Einwohner mahnte, dass es Zeit sei zum Austreiben der Kühe, da eilen heute Hunderte von bleichen Gestalten dem Bergwerk zu.“

Aus dem Blick geraten dabei die realen Bedingungen und Strukturen der bäuerlichen Lebens- und Wirtschaftsweise und die Tatsache, dass auch dieser bäuerliche Mikrokosmos der Braucker Bauerschaft in stetem Wandel begriffen war. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft, die Besitzverhältnisse und die Lebensperspektiven der Menschen hatten sich längst geändert. Die Braucker Bauern waren – das zeigt die erste erhaltene Steuerliste von 1574 – überwiegend Eigenbehörige der Herren von Horst im Vest Recklinghausen. Wenige Lehngüter anderer Grundherrschaften, wie der Hartmannshof (gehörte zur Deutschordenskommende Welheim) oder to Hering (zur Abtei Essen gehörig) waren unter den 1574 genannten 27 Höfen. Die Höfe gehörten den Bauern nicht, sie besaßen sie nur in Erb- oder Zeitpacht. Der jeweilige Aufsitzer hatte dem Landesherrn, dem Erzbischof von Köln, Steuern zu zahlen. Dem unmittelbaren Grundherrn musste er am Martinitag, dem 11. November, Naturalabgaben wie eine genau bemessene Menge Roggen, Hafer, auch Gerste wird genannt und Flachs, dazu eine bestimmte Anzahl Schweine, Gänse, Hühner u.s.w. liefern, was schriftlich quittiert wurde. Außerdem waren bestimmte Arbeiten zu verrichten, die nach Hand- oder Spanndiensten berechnet wurden. Eine späte Quelle belegt für Brauck (vgl. Archiv der Stadt Gladbeck, I-A-351), dass ein Spanndienst mit Pferd, Karren und Knecht vier Handdiensten entsprach, die in diesem Falle für die Instandsetzung der Wege zu leisten waren. Es ging um unterschiedlichste Arbeiten, wie Holz- und Mistfuhren, die Reinigung der Emscher oder die Ausbesserung der Mühlenweiher. Durch die Zahlung eines Dienstgeldes konnten die Dienstverpflichtungen abgelöst werden.

Gewinnbriefe belegen, dass der Hof nach dem Tod des Inhabers von seinem Nachfolger erneut durch Zahlung einer Geldsumme in Höhe einer zweimaligen Pacht „gewonnen“ werden musste. Zudem bestand ein Heimfallrecht des Grundherren. Starb die aufsitzende Familie aus oder versagte sie bei der Bewirtschaftung des Hofes, dann fiel der Hof an ihn zurück.

Auch wenn für die ältesten Höfe Abgaben (das sogenannte Messkorn) an die Gladbecker Pfarre St. Lamberti belegt sind, so bezog sich das Leben in Brauck doch weniger auf das Kirchdorf Gladbeck, als auf die Herrlichkeit Horst, die Burg, die Burgkapelle und das dortige Gericht.

Jede Bauerschaft in Gladbeck war ein eigenes, besitzhierarchisch strukturiertes soziales Netzwerk. Das spiegelte sich in einer inneren Zusammengehörigkeit, in der gemeinsamen Nutzung der Marken, bei nachbarschaftlichen Festen oder bei der Organisation von Diensten für den Grundherrn unter der Aufsicht eines Vorstehers und in caritativen Aktivitäten wider. Der nächste Nachbar unterzog sich besonderen Pflichten und erbrachte selbstverständlich Leistungen bei Notfällen aller Art, z.B. bei schwerer Krankheit, Todesfällen oder Bränden.

Die ländliche Lebensweise ist geprägt durch eine enge Vertrautheit der Menschen miteinander und durch eine existenzielle Gebundenheit an wenige Höfe als Arbeits- und Lebensraum. Von historisch konstanten Lebensbedingungen, die bis zum Vordringen der Zechen nach Brauck vorgeherrscht hätten, kann jedoch keine Rede sein. Zu diesem Zeitpunkt ist seit mehr als einhundert Jahren die Leibeigenschaft aufgehoben und Freizügigkeit der Ansiedlung möglich gewesen.

Die Höfe

Die Höfe in Brauck waren unteilbar. Nichts durfte veräußert werden. So vermehrte sich die Zahl der Höfe in der Braubauerschaft kaum. Die wichtigste Quelle ist das „Vestische Lagerbuch“ von 1660, in dem die Namen von 31 Höfen und die daran geknüpften Lasten verzeichnet sind. Ergänzt werden muss diese Liste noch um den Hof Lindgen (später Stens), der bereits 1574 in einer Steuerliste verzeichnet war.

Häufig blieb der Name des Hofes konstant. In Westfalen, so bemängelten die preußischen Beamten nach 1815 beim Aufbau ihrer Verwaltung, gäbe es im Grunde gar keine Familiennamen. Man würde wie der Hof genannt, auf dem man lebte und dies galt auch für Knechte und Mägde, die – obwohl sie regelmäßig zum 1. April oder 1. Oktober ihren Arbeitgeber wechselten, auch nach dem Hof genannt wurden, auf den sie sich gerade verdingt hatten.

Bis 1706 erhöhte sich die Anzahl der Höfe und Kotten auf 38. Erst mit der Bauernbefreiung änderten sich die Verhältnisse, so dass die Zahl der Höfe bis zum Jahr 1880 um weitere 18 Kotten bzw. Wohnhäuser stieg.

Rechtsordnung und Rechtspraxis

Das Verhältnis zwischen den Eigenbehörigen und ihren Grundherren wird im Vest Recklinghausen lange Zeit nach dem Herkommen oder durch Verträge geregelt, die z.B. bei der Hofübernahme mit einzelnen abhängigen Bauern geschlossen wurden (Gewinnbriefe). Die getroffenen Regelungen spiegeln sich dabei in Ordnungen wieder, die ab 1669 in der Grafschaft Ravensberg bzw. in Minden-Ravensberg, ab 1770 im Bistums Münster schriftlich ausformuliert wurden.

Auszug aus dem Gewinnbrief vom 14.2.1669, ausgestellt für Herman Linderoth, (Privatbesitz, Abschrift Stadtarchiv Gladbeck I-A-322)

An den Hof Linderoth geknüpfte Abgaben gegenüber Haus Horst

an Pacht 3 Scheffel Gerste Dorstener Maßes

2 Scheffel Hafer

18 Reichsthaler vom Linderott

3 Reichsthaler Dienstgeld

1 Reichsthaler und 7 Schillinge wegen des Erlenbruchs

1 Schuldschwein

4 Pfunds Flachs

5 Hühner, darunter 1 Fastnachtshuhn

1/2 Sch. Rauchhafer

1/2 Sch. Wachtkorn“


Ab 1811 untersteht die Region dem Großherzog von Berg, von 1813 bis 1815 dem Generalgouvernement zwischen Rhein und Weser. Nach dem Wiener Kongress wird auch Brauck preußisch und gehört nun zum Regierungsbezirk Münster der preußischen Provinz Westfalen. Formal gilt das Allgemeine Landrecht von 1794. Die Sondergerichte, wie das in Gelsenkirchen-Horst werden abgeschafft, die Gewerbefreiheit wird eingeführt, die Stände sind aufgehoben, die Emanzipation der Juden ist in Gang gesetzt. Jetzt greifen nach und nach Regelungen, die die Bauernbefreiung praktisch durchführbar werden lassen. Es wurde nach Wegen für die Ablösung der Reallasten, die auf den Höfen lagen, gesucht. Die Preise waren zunächst frei mit dem Grundherren verhandelbar. Zur Klärung der Besitzverhältnisse wurde auch Brauck erstmals 1822/23 durch preußische Landvermesser kartografiert.

Historisch ist die nördliche Grenze von Brauck der Nattbach. Die Grenze verschiebt sich. Der Lauf des Nattbachs wurde korrigiert. Viele Höfe liegen da, wo man heute nicht mehr Brauck vermutet, denn durch den Autobahnbau wurde eine neue und in den Alltag eingreifende Grenze geschaffen. So wurden etwa die Felder von Springmann (heute Behmer) durch die Autobahn geteilt, auch wenn man zunächst noch einen Zugang für die Tiere zu den nördlichen Weiden eingeplant hat.

Aus Brauck sind individuell ausgehandelte Freibriefe aus der Zeit um 1840 bekannt (Vehrenberg 1838, Linderoth 1840, Schulte-Berge 1841).1850 trat ein Ablösungsgesetz mit Einheitspreisen in Kraft. Jetzt konnte man sich Geld bei der Provinzialrentenbank leihen, um sich und den Hof von allen Diensten und Pachtzahlungen freizukaufen. Die Bauernbefreiung schreitet voran. Ab 1860 wird die bäuerliche Erbfolge gesetzlich neu geregelt. Zuvor gab es keine Gütergemeinschaft der Eheleute, um den Hof nicht zu gefährden. Das Anerbenrecht und Rechtsvorstellungen von gegenseitigen sozialen Verpflichtungen zwischen den Generationen und unter den Geschwistern blieben – nachweisbar an Testamenten der alteingesessenen Braucker Familien – bis ins 20. Jahrhundert bestehen.

Erben und Versorgen

Im 18. Jahrhundert hatten die Bauern gegen Dienstpflichten und für gerechtere Nutzungsmöglichkeiten der für alle verfügbaren Weideflächen (Marken) verschiedene Prozesse angestrengt.

Des Weiteren führten sie einen Verteilungskampf mit dem Grundherren um den wirtschaftlichen Gewinn des Hofes. Die Leibeigenen hatten den Anteil, den ihre Familie für den eigenen Verbrauch in Anspruch nahm, offenbar komfortabel ausgestalten können. Nicht selten bleib man dem Grundherren Abgaben schuldig, um seinen sozialen/familiären Verpflichtungen nachzukommen (vgl. Verordnung vom 21.3.1769 für das Vest Recklinghausen, Stadtarchiv Recklinghausen, HAA I K34).

Copia attestationis „über den Brauch, wie es im Vest wegen der Leibeigenleute von altersher gehalten wird Januar 1658“ (Abschrift, Stadtarchiv Gladbeck I-A-270, S. 7)

1) Schulte Berge und Buhsfort müssen jedes Jahr gleich 14 Standesgenossen ein jeder des Jahres zweimal freie Mistfuhren leisten, und zwar zusammen ein Gespann. Sie bekommen dafür am Fleischtage Fleisch und ein wenig Butter oder Schmalz und jeder Wagen 3 Kannen Bier;

2) sie müssen freie Heufuhren leisten, und zwar jeder ein Fuder fahren. Jeder Wagen, bei dem 2 Personen sind, bekommt 2 Kannen Bier, gemeine Pottspeise und Butter;

3) sie gehören ferner zu den Fruchtmähern, die abwechselnd 1 Tag arbeiten müssen. Dafür bekommen sie frühe Löffelspeis, Brotsuppe und ein wenig Butter, abends einen Pfannkuchen, Pottkäse und Butter, dünnes Bier und der Vormäher gutes Bier.“

Die Bewirtschaftung des Hofes bestimmte in diesem System die Lebensweise und den Lebensunterhalt der Großfamilie der Aufsitzer. Der älteste Sohn erbte den Hof, falls dieser nicht fähig war oder keine Neigung zur Landwirtschaft verspürte, und wenn kein weiterer Sohn infrage kam, kam die älteste Tochter zum Zuge. Der einheiratende Mann, das zeigen die Akten des Stadtarchivs Gladbeck, ist Bauernsohn und kommt aus der unmittelbaren Umgebung.

Generell sind die Heiratskreise sehr eng. Es tauchen immer wieder bekannte Namen auf. Es handelt sich um Gladbecker Höfe, seltener sind Hofnamen aus Horst, Buer, Kirchhellen, Altenessen oder Bottrop darunter. Geheiratet wird spät, denn die Hofübergabe zu Lebzeiten fällt schwer und der Altbauer und seine Frau müssen standesgemäß versorgt werden können. Sie erhalten die Leibzucht, eine lebenslängliche wirtschaftliche Grundlage. Dazu gehört ein Nebengebäude, wegen des Schornsteins häufig auch als Backhaus bezeichnet, und zum leibzüchtigen Gebrauch Ländereien, Weiden, Vieh, unter anderem Flachs zur Verarbeitung und auch Taschengeld. Wenn der Hof zu arm ist, „genießen sie an des Anerben, und Nachfolgers Tisch die Kost, so gut er solche selbst hat“ und arbeiten weiter so lange es geht mit für einen „Handpfennig“. (Vestische Leibeigentums-Ordnung Recklinghausen vom 3.4.1781, Stadtarchiv Recklinghausen, HVA II A 70a, § 61f)

Testamentarisch festgeschrieben wurde bis ins Detail, wie die nicht erbenden Kinder durch den Hoferben abzufinden waren. Es bestand Konsenzpflicht zwischen dem Anerben und seinen nicht erbenden Geschwistern. Geregelt war auch, in welchem zeitlichen Abstand voneinander und wie viel vom Brautschatz auf einmal verlangt werden konnte. Auch Töchtern stand im Fall der Heirat dieser sogenannte „Brautschatz“ bzw. „Brautwagen“ zu. Der Brautschatz verfiel, wenn die Geschwister auf dem Hof wohnen blieben. Dort stand ihnen lebenslang gegen Mitarbeit die freie Versorgung, auch ärztliche Hilfe und Pflege zu.

Testament von 1828 (Abschrift Stadtarchiv Gladbeck, S 61)


Brautschatz, auszukehren für den Bruder des Hoferben Franz Hartmann im Falle der Heirat

230 Thaler preuß. Courants,

2 milchgebende Kühe, 2 Rinder, 4 Sommerschweine,

2 Malter Roggen und 2 Malter Buchweizen,

1 Kleiderkasten, 2 Koffer, 1 Bettlade nebst vollständigem Bett und Überzüge sowie 1 Paar Betttücher, 2 Tische, 6 Stühle,

1 Lauge-Tonne, 1 Butter Kirne, 1 Milch- und 1 Wasser-Eimer, 1 Milchbüchse, 1 Hand und 1 Schmandfass, 1 Reb, 1 Fleischtonne, Hechsel, Hechelbank, Schwingbrett und Breche, Spinnrad und Haspel, 1 Bügel-Eisen, 1 Kuh-Kessel, eisernen Topf, Pfanne nebst Pfann-Eisen, Hahl, 1 Paar Brandruthe, 1 Blas-Rohr. Zange, Pfann-Kuchen-Messer, Schaum-Löffel, Fleischgabel, Rühr-Eisen, eisernen Topflöffel, Kalte-Hand, Schüppe, Mistgabel, Heugabel, Flachs-Reppe, Harke und Flegel, 1 Zimmer Krug und dito Schüssel, 1 dutzend porzellaner Teller, 1 dzd zinnerne Löffel, Salzfaß, Sempftopf, Pfefferdose, 1 Mangel... 1 Rost, 1 Mantelstock (?) und 1 Zuckerdose.“

Im Interesse des Grundherren war dieses System offenbar nicht, wie die Vestische Leibeigentums-Ordnung von 1781 zeigt. Darin werden die Eltern aufgefordert, ihre nicht erbenden Kinder früh zur beruflichen Umorientierung und zum Wegzug zu bewegen. Dafür wollte man sie vom Gesindezwang befreien, einem Dienst, bei dem die Kinder der Leibeigenen ein halbes Jahr nur für freie Verpflegung für den Grundherrn arbeiten mussten.

Vestische Leibeigentums-Ordnung Recklinghausen vom 3.4.1781 (Stadtarchiv Recklinghausen, HVA II A 70a)

§ 16

Wären aber auf dem eigenbehörigen Hof mehrere Kinder, als zum Ackerbau vonnöten, so bleibet denen Eltern unbenohmen, die Entbehrlichen von sich zu thuen, und bei andern zu verdingen, denenselben auch [...] ein Handwerk, oder andere Wissenschaft in – oder ausser Landes lernen zu lassen,

und sollen die Gutsherren nicht allein nicht behindern, sondern dafür sorgen: dass denen Geschwistern, welche den Anerben zur Last, und im Stande sind, anderwärts ihre Kost zu verdienen, kein Aufenthalt auf dem Erbe gestattet werde.

§ 17

Dann müssen auch die Kinder der Eigenbehörigen nach erreichten dienstfähigen Alter bei ihrem Gutsherrn den Zwangdienst verrichten, und ein halb Jahr ohne Lohn für die Kost dienen [...] jene Kinder aber, welche vorbesagter Maßen in der Lehr, und Erlernung eines Handwerks begriffen sind, werden von personal Dienstleistungen ausgenommen [...].“

Doch wohin hätten die Geschwister gehen sollen? Protoindustrielle Strukturen wie in der protestantisch geprägten Grafschaft Mark gab es im Vest Recklinghausen zu dieser Zeit nicht. Der geistliche Stand, das Landhandwerk, das Einheiraten, das waren die wenigen Perspektiven bis zur Bauernbefreiung. Man produzierte auf den Höfen fast alles für den Lebensunterhalt Notwendige selbst. Wenig wurde über den Bedarf produziert. Die Betriebsgröße lag überwiegend bei 50 bis 100 Morgen ( 13 bis 25 Hektar). Im Grunde hätte es auch an Arbeitskräften, dem Gesinde gemangelt, denn viele dieser Hilfskräfte wanderten saisonal und arbeiteten im Sommer in der Grafschaft Mark auf den Feldern, im Winter im Vest Recklinghausen bei der Flachsverarbeitung. Leinen war das Hauptausfuhrprodukt des Vestes Recklinghausen. Auch wollene Tücher stellte man für den Verkauf her.

Die Erträge der Äcker waren gering, gedüngt wurde nicht häufig. In einem Fruchtwechselsystem wurde auf 3/5 der Felder Wintergetreide (Roggen) angebaut, auf 2/5 Sommerfrucht, wie Hafer, Gerste, Kartoffeln, Bohnen und Buchweizen. Erbsen kannte man erst seit Ende des 18. Jahrhunderts. Auf einen Scheffel Roggen in der Aussaat erntete man pro Morgen Land 5 bis 7 Scheffel. Roggen und Buchweizen wurden auch gehandelt. Ansonsten waren die lokalen Produkte auf den großen Getreidemärkten in Witten oder Hagen nicht konkurrenzfähig, da die Ernte einer besonderen Pflege bedurft hätte.

Viehzucht war in der Feudalzeit die wichtigste Einnahmequelle der vestischen Bauern. Die Marken waren ausgedehnte Flächen, die die Eigenbehörigen der Gutsherren gemeinsam als Markgenossen nach bestimmten Regeln für eine bestimmte Menge Vieh nutzen konnten. (vgl. Feldhuß, Carl: Die sozialökonomische Lage der vestischen Bauern im 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur vestischen Agrargeschichte und Agrarpolitik. Recklinghausen 1929, S. 54ff.)

Die Textauszüge stammen aus: Schönebeck, Christine: Damals in Brauck. Gladbeck 2011

 

Lebensbilder aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges

Vestische Pfarrer im Umfeld der Visitation von 1630 (2)

von Arno Vauseweh

Heute sollen vier weitere Pfarrer-Kurzbiografien vorgestellt werden.

Krieges und musste mit ihr Einquartierungen, hohe Geldforderungen, Raub, Plünderung, Pest und Krankheiten über sich ergehen lassen. Wie viele Geistliche des Vestes lebte Kurich mit einer Frau zusammen, was durchaus üblich war und daher nicht von einer Neigung zum Protestantismus zeugte. Mit seiner Konkubine Anna Brinkmann hatte er eine Tochter, die er dem Visitationsprotokoll vom 6. Juli 1654 zufolge im Wiedemhof (Pfarrhaus) zum größten Ärgernis aller Pfarrgenossen verheiratet hatte. Gemäß Protokoll forderten die Visitatoren, dass

Solis 23. Juny hora 3 promeridiana visitata est Ecclesia Parochiae in Herten.17 Am Sonntag, dem 23. Juni, um die dritte Stunde am Vormittag, wurde von den Kommissaren die St. Antonius-Kirche in Herten aufgesucht (Abb. 4). Der Pastor hieß Henrich Kurich. Im Jahre 1605 oder 1606 wurde er zu Herten vom Recklinghäuser Pastor investiert. 18 Um 1573 geboren, war er zu diesem Zeitpunkt ca. 32 Jahre alt. Er sollte 53 Jahre das Pfarramt an St. Antonius ausüben. Mit seiner Gemeinde durchstand er die schweren Zeiten des DreißigjährigenAnna Brinkmann nebst Tochter und Eidam [Schwiegersohn] aus Kirchspiel und Vest verwiesen werden, und sollte die Anna19 sich nochmals in Herten ertappen lassen, so soll sie am Pranger und Halseisen und mit Rutenstreichen hergenommen werden. Da Pastor Kurich aber weiterhin mit seiner aus dem Vest verwiesenen früheren Konkubine Gemeinschaft hatte und er auch wegen seines hohen Alters den Gottesdienst nicht mehr feiern konnte – konsekrierte Hostien ließ er fallen – auch das Schulehalten fiel ihm schwer, sollte er sich fortan aller geistlichen Funktionen enthalten.

Auf Vorschlag Bertrams von Nesselrode, dem Aufsitzer des Hauses Herten, sollte Vikar Nierhoff aus Gladbeck den Kirchendienst versehen. Deswegen resignierte Kurich am 5. Januar 1658 zugunsten des Vikars. Er starb im Alter von 91 Jahren auf Haus Herten. Sechs Tage vor seinem Tode, am 16. Mai 1663, ließ er sein Testament aufsetzen mit der Anordnung: Bekenne ich her Heinrich Curich pastor zu Herten [...], Dreißig Reichsthaler hiermit ... zu einer memoria zu gebrauchen, zu welcher ... zum wenigsten zwei Missen sollen gesungen werden und die gedechtnussen öffentlich in der Kirchen zu Herten soll gehalten werden.21

Am 8. Juli 1630 wurde die St. Urbanus-Kirche in Buer visitiert (Abb. 5). Das Protokoll vermerkt:

Pastor vocatur Theodorus Recke22, „der Pastor heißt Theodor Recke“. Er amtierte von 1625 – 1636 an der Pfarrkirche St. Urbanus. Ab 1634 war er zugleich Vikar Unserer Lieben Frauen und der Römisch-Katholischen zu Gelsenkirchen Pastor. 23 Vermutlich stammte Pastor Recke als ritterbürtiger illegitimer Spross aus der Familie von der Recke, die im Vest auf den Häusern Horst an der Emscher und Uhlenbrock in (Buer-)Hassel saßen. Nach Ausweis der Matrikel wurde er 1619 an der Kölner Universität als „Westphalus“ eingeschrieben. 1625 setzte ihn der Kölner Weihbischof Gereon Otto von Gutmann zu Sobernheim,  Stiftsdechant von Mariengraden, als Pastor an St. Urbanus ein, nachdem er vom protestantischen Haus Strünkede präsentiert worden war.

In Reckes Amtszeit fiel die Visitation von 1630, von der wir später noch Weiteres hören werden. Vor deren Durchführung wurde er am 26. Juni dazu aufgefordert, einen Zustandsbericht über die Pfarrei Buer anzufertigen, den er am 2. Juli vorlegte. Darin beklagte sich Pastor Recke, dass sein eigenes Einkommen so gering sei, dass er sich von guten Leuten seiner Gemeinde beköstigen lassen müsse, da es ihm sonst nicht möglich sei, in diesen gefährlichen Zeiten von seinen geringen Einkünften leben zu können. Außerdem wies er darauf hin, dass keiner der Vikare, obwohl die meisten Vikare weitaus besser dotiert seien als die Pfarrstelle, bereit sei, ihn bei den seelsorgerlichen Aufgaben, die für dieses weiträumige und bevölkerungsreiche Kirchspiel dringend nötig seien, zu unterstützen.24, ob an der Pest, kann nur vermutet werden.25 Er stammte aus adeliger Familie. Geboren im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts auf dem Rittersitz Darl, vier Kilometer südlich der Dorffreiheit Buer, wurde er in jungen Jahren von Jesuiten erzogen, deren Orden er eine Zeit lang angehörte. Von Darl, persönlich anspruchslos, sollte es im Vest zu hohem Ansehen bringen und eine herausragende Rolle in der Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse spielen.26 Als Kommissar forderte er den damaligen Westerholter Pastor Bomart auf, seinen Pfarrkindern vor Augen zu halten, dass im hochheiligen Amt der Messe nichts anderes verrichtet werde, als was der Herr Christus am letzten Abendmahl verrichtet, da er sich selbst unblutiger Weise im hochheiligen Sakrament seines Fronleichnams Gott dem himmlischen Vater aufgeopfert [...] Was da nun beigelesen wird zur Entzündung christlicher Andacht, als Epistel, Evangelium ist alles im göttlichen Worte gegründet, wie daß auch im Kanon der Heiligen Gedächtnis gehalten wird.

Ob er wegen seiner dürftigen Lebensgrundlage, die sich bei der Visitation von 1630 ergab, 1634 die Gelsenkirchener Pfründe zur Aufbesserung seiner Einkünfte übertragen bekam, ist fraglich, denn sein schon schwer zu bewältigender Arbeitsumfang im Kirchspiel Buer hätte sich damit verdoppelt. Pastor Recke starb 1636 auf Haus Berge bei Buer

Am Sonntag, dem 14. Juli 1630, weilte die Visitationskommission in Westerholt (Abb. 6). Die Kirche war dem hl. Martin geweiht. Pastor war der Erzpriester und Kommissar Johannes von Darl.

Als erster Landdechant erhielt er das am Anfang des 17. Jahrhunderts vom Archidiakonat Dortmund losgetrennte und zum selbständigen Diakonat erhobene Vest Recklinghausen, das der römischen Kirche treu geblieben war. Hier wirkte er als erzbischöflicher Kommissar und Visitator für den Erhalt der katholischen Konfession und erwarb sich ab 1612 als Reformer des kirchlich-katholischen Lebens große Verdienste.

 

27 In Westerholt war es nämlich zur Gewohnheit geworden, dass sich die Gottesdienstbesucher sonntags zum großen Teil damit begnügten – unter Versäumung des Messopfers – nach Anhören der Predigt, die vor der Messfeier gehalten wurde, die Kirche zu verlassen. 28 Nach dem Tode Hermann Bomarts ließ sich Johann Darl 1610 die Pfarre übertragen, die er bis zu seinem Tode 1633 inne hatte. Während seiner Amtszeit geriet er in Konflikt mit dem Westerholter Burgherrn Herman Hektor, der, um seine Privilegien besorgt, als Patronatsherr der Westerholter St. Martinus-Kirche Eingriffe als Verstoß gegen seine Rechte betrachtete. Johannes von Darl weigerte sich jedoch entschieden, die Jurisdiktion des Herrn von Westerholt in geistlichen Angelegenheiten anzuerkennen und erklärte: Ich trage [...] die von ihrer kurfürstlichen Durchlaucht [des Herrn Erzbischof von Köln] mir in dieser vestischen Landschaft an allen Orten ohne Unterschied hoch und teuer anbefohlene geistliche Jurisdiktion nach Gebühr zu vertreten,ganz keine Sache.29

Als Pfarrer lebte von Darl bescheiden ohne eigenen Haushalt in einem einzelnen Zimmer, da das außerhalb des Ortes gelegene Pfarrhaus verfallen war. Erst als sein Halbbruder, Vikar Conrad Darl, 1625 die Pfarrstelle an St. Georg zu Marl erhielt, bezog der Pastor das Haus der Vikarie St. Johannis Baptistae in Westerholt.

 

Während von Darls Amtszeit litt Westerholt im Dreißigjährigen Krieg unter ständigen Einquartierungen und Durchmärschen von Feind und „Freund“. Die Not der Westerholter Bevölkerung war so groß, dass von Darl schrieb:  Tagen kein Brot im Hause gehabt, etliche gehen gar betteln oder essen Milch und Gemüse ohne Brot, Gott woll sich erbarmen Etliche haben in vierzehn.

30 1633 starb, begrub man ihn in der Westerholter Pfarrkirche. Am Samstag, dem 20. Juli 1630, um die fünfte Morgenstunde visitierte die Kommission unter Leitung des hochwürdigen Herrn Joannes Gelenius die Kirche in Oer (Abb. 7). Sie war dem hl. Petrus geweiht. Die Pfarrgemeinde wurde von Pastor Johannes Geisterkampius versorgt.

Als er zu Anfang des Jahres31 Geisterkampius, auch Gesserkamp, Gestekamp, Creistenkamp, Gersterkamp, Kersterkamp oder auch Gerstkamp genannt, amtierte von etwa 1605- 1630 an der St. Petri-Kirche in Oer.

Johannes Gerstkamp zum ersten Mal aus dem Jahr 1614. In einem Streit mit dem gesamten Kirchspiel Oer beanspruchte der Pastor die Einkünfte der St. Antonius-Vikarie als zu seinem Unterhalt gehörig. Dagegen bestanden die Kirchspielseingesessenen darauf, dass diese der Unterhaltung des Kirchengebäudes dienen sollten. Der zur Schlichtung des Streits vom Kölner Domkapitel beauftragte Verwalter des Vestes Recklinghausen, Arnold von Schaumburg, veranlasste den Pastor einen Gegenbericht zu schreiben. In dem Schreiben bat er die hohen Herren um Vermittlung, damit er mit seinen Kirchspielsleuten in Frieden leben könne. Weitere Streitigkeiten mit den Bauersleuten sind für die Jahre 1622 und 1623 verzeichnet. 1617 bescheinigt der Pastor dem Bauern Henrich Welmann, dass nach Zeugenaussagen diesem von holländischen Söldnern 1592 das Haus verbrannt wurde und er im Schafstall hausen musste.

Bei der Visitation von 1630 stellte sich heraus, dass der Pastor mit einer Frau zusammenlebte, also Konkubinarier war. Im Protokoll heißt es dazu:  der Ehrwürdige Herr  Joannes Gelenius]  Hause  würde er dort ein junges Mädchen vorfinden, das der Pastor seine Magd nennt, abgesehen davon, daß er von dieser Person auch Kinder hat.

Daraufhin entliess die Kölner Kirchenbehörde Pastor Gerstkamp wegen  vitam,  Leben“, ins „Privatleben“,  und ließ ihn durch Pastor Theelen ersetzen. Damit waren die Pfarrangehörigen jedoch nicht einverstanden. Sie schrieben an den  Hochgelehrten Großgebietenden Herrn Vicarie  und legten dar, dass sie von einer wilden Ehe,  ihres Pastors mit seiner Köchin Margitt nie etwas bemerkt hätten.

Außerdem sei er ein alter Mann und alles nur missgünstiges Gerede. Sie führten dagegen an, dass er nicht wie andere vestische Pastoren vor den Soldaten geflohen sei. Während die Dorfbewohner mit ihrem Vieh in die Wälder der Haard geflohen seien, habe ihr Pastor ihr in der Kirche zurückgelassenes Hab und Gut bewacht und verteidigt. Das war ihm freilich schlecht bekommen.

Die Soldaten hatten ihn so schwer misshandelt, dass er das Bett hüten musste. Doch die Kirchenbehörde blieb bei ihrer Entscheidung – der Abberufungdes Oerer Pastors.